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Clownschule Hofheim Vom Clown fürs Leben lernen

Seit mehr als 20 Jahren bildet Michael Stuhlmiller in seiner Clownschule in Hofheim Spaßmacher aus.

Clownschule Hofheim
Bei der Werkstattbühne treten die Schüler aus der Profi-Clownklasse regelmäßig vor Publikum auf. Foto: Clownschule Hofheim

Wenn Michael Stuhlmiller über Clowns erzählt, dann gerät er gerne ins Schwärmen. Wie im Fluge vergeht die Zeit beim Plaudern über den Unterschied zwischen dem strengen Weißclown und dem dummen August, über den mittelalterlichen Narren, der der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, über Arlecchino und Pierrot und das sanfte Kontaktaufnehmen mit dem Publikum, das eine Spezialität aller Clowns ist. Schnell kommt Stuhlmiller auch auf die „Fünf Räume des Lachens“ zu sprechen, eine Trainingsmethode, die er auf der Basis der eigenen clownesken Arbeit entwickelt, und über die er vor kurzem ein Buch geschrieben hat.

An der Wand im Büro des Clownschuldirektors in Hofheim-Lorsbach hängen Veranstaltungsplakate und Porträts berühmter Spaßmacher. Stuhlmiller ist selbst gelernter Clown, hat nach dem Staatsexamen in Musik und Kunst an der Uni Kassel eine Schauspielausbildung beim Teatro Nucleo in Italien gemacht, das Clowntheater Blauhaus mitgegründet, Auftritte bei internationalen Festivals in Polen, Italien, den Niederlanden und Frankreich gehabt. 1994 gründete er zusammen mit Freunden seine eigene Clownschule. Die war bis 2011 in Mainz-Finthen. Dann kaufte Stuhlmiller den leer stehenden Gasthof „Zum Löwen“ im Hofheimer Stadtteil Lorsbach und etablierte dort die Ausbildung für Proficlowns. „Der Umzug von der Stadt aufs Land war problematischer, als ich gedacht hatte“, räumt der 56-Jährige ein. Mainz sei für Studierende besonders attraktiv. In Lorsbach, das immerhin über einen S-Bahn-Anschluss verfüge, von dem aus man die Clownschule fußläufig erreichen kann, seien seine Schüler hingegen nicht so sehr vom Lernen abgelenkt. „Das hat auch etwas für sich.“

Zurzeit sitzen acht Clownschüler in der Profi-Clown-Klasse. Sie sind zwischen 18 und 30 Jahre alt, manche kommen direkt von der Schule, andere haben schon eine Berufsausbildung absolviert. Viele angehende Clowns seien auf der Suche nach einem individuellen Lebensstil, wollten sich nicht in ein Korsett pressen lassen, weiß Michael Stuhlmiller. Nach zwei - bis dreijähriger Vollzeitausbildung zum staatlich anerkannten Clownschauspieler sei dies auch ein realistisches Ziel. Verglichen mit anderen künstlerischen Berufen gehe es dem Clown finanziell mit Abstand am besten, ist der Schuldirektor überzeugt. Stuhlmillers Schüler sind schon beim Cirque du Soleil aufgetreten und bei Roncalli, haben Engagements auf Kreuzfahrtschiffen bekommen oder stehen bei Event-Agenturen unter Vertrag.

Die Zahl derer, die eine Vollzeitclownausbildung machen, ist in den letzten Jahren dennoch zurückgegangen. Junge Leute hätten heute ein hohes Sicherheitsbedürfnis, sagt Stuhlmiller. Die Zeit, Dinge auszuprobieren, um den eigenen Weg zu finden, nehme sich kaum noch jemand.

Arbeitslos werden die Lehrer in der Hofheimer Schule für Clowns trotzdem nicht. Denn immer mehr Menschen, die die Clownausbildung berufsbegleitend absolvieren wollen, drängen in die Workshops. Banker, Versicherungsmitarbeiter, Lehrer und Personaltrainer seien darunter, erzählt Stuhlmiller, aber auch Polizisten, Ärzte, Therapeuten und Seelsorger. 60 Schülerinnen und Schüler besuchen zurzeit die drei berufsbegleitenden Clownsklassen in Lorsbach, einige Module laufen parallel, so dass Profis und „Nichtprofis“ sich gegenseitig inspirieren können.

Was all die „Amateure“ in der Schule für Clowns suchen? Michael Stuhlmiller glaubt die Antwort zu kennen. „Die Techniken, mit denen ein Clown arbeitet, funktionieren auch für die Kommunikation in der Arbeitswelt oder im privaten Alltag“, sagt er. Das beiläufige Nachahmen von Bewegungen, Gesten oder Mimik, das als „Zwillingsmethode“ in der Ausbildung für Clowns gelehrt wird, etwa baue den Kontakt zum Gegenüber auf. Das Spiel mit „Hoch- und Tiefstatus“, wie Weißclown und August es praktizieren, lasse die Beziehungssituation irgendwann mal kippen. Plötzlich ist der, der erst das Sagen hatte, der Befehlsem-pfänger und umgekehrt. In der „Clownmethode“, die Stuhlmiller lehrt und in seinem Buch beschreibt, geht es dabei nie um Sieger und Verlierer, sondern stets um das spielerische Meistern komplizierter Lebenssituationen, darum, Systeme zu durchschauen, Risikofreudigkeit und Mut zu entwickeln.

Manche seiner Schüler, die ihren Clown erst mal nur für sich entwickeln und nicht professionell auf die Bühne bringen wollten, tun es am Ende doch, treten bei Festen auf oder engagieren sich als Klinikclowns. Andere nutzen das „Hand- und Herzwerk“ des Clowns, um im beruflichen Alltag besser zurechtzukommen. Oder sie absolvieren die berufsbegleitende Ausbildung Clown und Kommunikation, um „Clown-Coach“ zu werden. Früher, sagt Michael Stuhlmiller, seien Clowns Artisten gewesen, die im Zirkuszelt Jonglagen mit Hut vollführten oder beim Salto auf die Nase fielen. Der Geschmack des Publikums habe sich jedoch gewandelt. „Heute ist eine differenziertere Komik gefragt, die sich wieder dem Wesen des mittelalterlichen Narren annähert.“

Heftig diskutiert wurde Mitte 2016, von Lokalpolitikern und Medien hochgepuscht, über den Wegzug der Clownschule aus Hofheim. Laut Michael Stuhlmiller stand dies aber nie ernsthaft zur Debatte. Ein anderes Projekt, das der Schuldirektor mit viel Elan startete, hat hingegen schon vor Monaten ein Ende gefunden. Das komische Theater ist seit Sommer letzten Jahres geschlossen. Nur noch alle paar Wochen treten im großen Saal des Gasthauses zum Löwen die Schüler der Profi-Clownklasse auf der „Mittwochsbühne“ vor Publikum auf. Ohne öffentliche Förderung sei eine Einrichtung wie das komische Theater nicht dauerhaft am Leben zu erhalten, sagt Stuhlmiller. „Da hatte ich definitiv einen Topf zu viel auf dem Herd.“

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