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Bad Soden Bastard in Schwarz

Der junge Lyriker Martin Piekar siegt beim HR2-Online-Voting. Piekars Gedichtzyklus, der die HR2-Hörer am meistern beeindruckte, trägt den Titel „Wolkenformnationen“. Es geht um Migration und die Willkür von Staatsgrenzen.

28.07.2015 18:45
Tom Weimar
Martin Piekar hat den HR2-Literaturpreis gewonnen. Foto: Michael Schick

Eigentlich soll die Metallskulptur am Bad Sodener Bahnhof bloß als Hintergrund für das Porträtfoto dienen. Doch Martin Piekar stört etwas: Der Name des Erschaffers wird nicht angegeben, nirgendwo findet sich ein Schild. Respektlos gegenüber der Künstlerin oder dem Künstler findet er den fehlenden Hinweis, der vielen wohl überhaupt nicht aufgefallen wäre.

Piekar ist einer, der nicht anders kann, als sich Gedanken zu machen. Und sie in Versform niederzuschreiben. Die Gedichte des 24-Jährigen kommen nicht nur in der Fachwelt gut an. 2012 gewann er den 20. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin in der Kategorie Lyrik. Im Juni dieses Jahres siegte der Student, der Philosophie- und Geschichtslehrer werden möchte, beim HR2-Literaturpreis. Die Entscheidung fiel im Gegensatz zum Open Mike nicht durch eine Fachjury sondern durch die Radiohörer im Online-Voting.

Texte von zehn Nachwuchsautorinnen und -autoren wurden in der Sendung HR2-Kultur vorgetragen. Alle zehn waren Preisträger des Schreibwettbewerbs „Junges Literaturforum Hessen-Thüringen 2014/2015“, bei dem mehr als 600 Texte eingereicht wurden. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und die Thüringer Staatskanzlei hatten den Wettbewerb veranstaltet. Teilnehmen konnten junge Schreiber zwischen 16 und 25 Jahren.

Piekars Gedichtzyklus, der die HR2-Hörer am meistern beeindruckte, trägt den Titel „Wolkenformnationen“. Es geht um Migration und die Willkür von Staatsgrenzen – in Zeiten einer EU-Grenzpolitik der Abschottung ein politisch brisantes Thema.

Martin Piekar schreibt intuitiv, verarbeitet eigene Erlebnisse. Sein familiärer Hintergrund ist von Flucht geprägt: In den achtziger Jahren floh seine Mutter aus Polen nach Deutschland. „Sie konnte das Regime nicht ertragen“, berichtet ihr Sohn, der im August 1990 in Bad Soden auf die Welt kam. Der Vater hat die Familie verlassen, lebt wieder in Polen. Martin Piekar wohnt noch immer in seiner Geburtsstadt. In Polen war er noch nie, obwohl er einen polnischen und keinen deutschen Pass besitzt.

Privater eiserner Vorhang

„Meine Mutter möchte in Polen nicht einmal Urlaub machen, sagt Martin Piekar. „Es gibt ihren privaten eisernen Vorhang. Sie möchte nicht an den Ort zurück, an dem ihr so viele schreckliche Dinge widerfahren sind.“

Für seine Gedichte habe er deshalb das „Bastard-Motiv“ gewählt: „Ich bin Teil von zwei Welten, fühle mich aber keiner wirklich zugehörig“, sagt er. Die innere Zerrissenheit ist Thema in seinem ersten Gedichtband mit dem Titel „Bastard Echo“, der 2014 im Verlagshaus Berlin erschienen ist.

Es gibt aber auch eine andere Verbundenheit Piekars: die zur schwarzen Szene, einer Subkultur, die vor allem über Musik definiert wird. Die Gothic-Kultur habe auch etwas mit Lyrik zu tun, findet der junge Autor mit wallendem dunklen Haar und ganz in Schwarz gekleidet. Mit dem Dunklen assoziiert Martin Piekar das Geheimnisvolle. „Ich sorge für mehr Lyrik in der schwarzen Szene – die dort wahrscheinlich niemand liest“, räumt er ein.

Das Gruftitum fließt ebenso in Piekars Gedichte ein wie sein Philosophie- und Geschichtsstudium. Nach seinem Abschluss will er hauptberuflich zwei Wege parallel gehen: Unterrichten und Dichten. „Ich mag die kritische Betrachtung“, sagt er. Wenn er einmal als Lehrer arbeite, werde er vermutlich Gedichte über den Schulalltag schreiben.

Ob Fachleute oder die Hörer eines Radiosenders seine Gedichte feiern, ist Piekar egal. Die Frage sei, ob sich jemand die Zeit nehme, sich damit zu beschäftigen. Während der Blockupy-Proteste schrieb Martin Piekar ein Gedicht zur „brandheißen Neueröffnung“ der EZB, das auf der Online-Plattform das meistgelesene des Monats wurde. „Ein brennendes Auto / Hat noch niemanden zu / Prometheus gemacht“ – geißelt er darin die Gewalt einiger Demonstranten und predigte, ganz Romantiker, den Individualismus: „Ich ist ein / Schwarzer Block / Da ist doch keine Vermassung nötig“.

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