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Ausstellung in Eschborn Eschborn im Dritten Reich

„Eschborn und Niederhöchstadt im Dritten Reich“ ist der Titel einer Ausstellung, die im Stadtmuseum zu sehen. Sie zeigt städtische Dokumente aus der NS-Zeit. Privatleute rücken ungern Unterlagen heraus.

NS-Ausstellung in Eschborn
Die meisten Dokumente sind offizieller Natur. Für private Leihgaben scheint es doch noch zu früh zu sein. Foto: Michael Schick

Man kennt sich im Dorf. Das war früher so und ist auch heute noch nicht anders im Kernbereich Eschborns am Ufer des Westerbachs. Natürlich wusste jeder, wer mit den neuen Herrschern besonders laut sympathisierte, als die Hakenkreuz-Welle das Land überrollte. Aber auch von denen, die es wagten, den Hitlergruß zu verweigern. Wie Heinrich Thonius, der Fußballer, der auf dem großformatigen Foto zweier Mannschaften als einziger den Arm nicht hebt. Weil er auch in der Kneipe kein Blatt vor den Mund nahm, wurde er später wegen Defätismus zum Tod verurteilt, dann doch begnadigt, Zuchthaus, Strafbataillon an der Ostfront. Thonius hat überlebt, kehrte 1945 nach Eschborn zurück, heute reden sie von einem der Standhaften, wenn sie sein Bild betrachten.

Der „Pimpf“ mit den großen abstehenden Ohren und schon im Kindesalter viel zu alten Augen auf einem anderen Foto lebt noch heute im Ort, weiß Stadtarchivar Gerhard Raiss. „Pimpf“, das war der unterste Dienstgrad im militärischen Gefüge der Nationalsozialisten, 10 bis 14 Jahre alt waren die Buben. Heute ist der Pimpf 94 Jahre alt, einer der letzten aus der Generation der Jahrgänge 1924 bis 1929, die zu Kriegsbeginn zur „Pflichterfassung“ bestellt wurden. Die Zeitzeugen der Jahre 1933 bis 1945 werden weniger. Die, die das Material zur Verfügung stellen könnten, das Gerhard Raiss und seine Kollegen so gerne hätten, um mehr Licht in die dunklen Jahre zu bringen, die auch an Eschborn nicht spurlos vorbeigegangen sind. „Die meisten Privatleute wollen das heute noch nicht“, so Raiss, die von ihm konzipierte Ausstellung zum Thema „Eschborn und Niederhöchstadt im Dritten Reich“ basiert weitgehend auf städtischen Akten.

Bilder und Dokumente, die die Weltanschauung und den Anspruch der NS-Politik bis ins tägliche Leben der Menschen sezieren und teils groteske Züge offenbaren im Vollzug des totalitären Anspruchs. Nicht nur der Landmann Gustav Gissel aus der Unterortstraße wurde 1938 dienstverpflichtet, auch seine Lotte, eine Stute, fünf Jahre alt. Mit ihr die Pferde Fanny, Hektar, Max, Bella und viele andere, alles sauber auf städtischem Papier notiert. Schon da warf der Krieg seine Schatten voraus. Auf einem Dokument ist festgehalten, wie der Bannführer einen Jugendlichen abends „rauchend auf der Hauptstraße stehend“ angetroffen hat, drei Reichsmark Strafe oder ein Tag Haft wurde angeordnet. Solche Dinge erfahren die Besucher, können Rechnungen einsehen für die Anschaffung von Hakenkreuzfahnen für die „Gemeinde Eschborn“, zwei kleine für je 6,50 Reichsmark, eine große (160 x 400 Zentimeter) für 28,50. 

Es sind nicht die verfänglichen Akten und Unterlagen, die am Eschenplatz zu sehen sind. Die wurden beim Einmarsch der Amerikaner Ostern 1945 vor dem Rathaus verbrannt, die Reste in den nahen Westerbach gekehrt, erzählt Bürgermeister Geiger bei der Eröffnung. Seine Mutter, 88 Jahre alt, kann noch mehr aus dieser Zeit erzählen. Die wirklichen Dramen kommen hier nur am Rande ans Licht. Jeder, der dabei war, kann sie erzählen.

Ein wichtiges Dokument, ein kleiner von einem Scheinwerfer angestrahlter Zettel, könnte zu den wichtigen Fragen führen. Findet Wilfried Krementz, ein Kollege von Raiss aus Kriftel, der dort eine ähnliche Ausstellung für das Heimatmuseum konzipiert und aufgrund großen Interesses um zwei Monate verlängert hat. Auf dem kleinen Zettel stehen nur ein paar Zahlen, das Ergebnis der Gemeindewahl am 5. März 1933. Ganz oben auf der Liste, in Eschborn und in Niederhöchstadt, mit riesigem Abstand die NSDAP.

„Auf Anhieb bis zu 49 Prozent, wie konnte das passieren?“ Darüber echauffiert sich Krementz, dass diese Frage bei solchen Ausstellungen meist unterbelichtet bleibt. Weil zu selten danach gefragt wird.

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