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Umstrittenes Kohlekraftwerk Staudinger-Ausbau kann kommen

Das hessische Kohlekraftwerk Staudinger darf ausgebaut werden. Die Stadt Hanau will gegen das Großprojekt klagen. Umweltschützer sind entsetzt. Wirtschaftsexperten warnen, hier werde in eine Technologie von vorgestern investiert.

29.12.2010 11:10
Alexander Polaschek
Das hessische Kohlekraftwerk Staudinger darf ausgebaut werden. Die Stadt Hanau will gegen das Großprojekt klagen. Foto: ddp

Das hessische Kohlekraftwerk Staudinger darf ausgebaut werden. Die Stadt Hanau will gegen das Großprojekt klagen. Umweltschützer sind entsetzt. Wirtschaftsexperten warnen, hier werde in eine Technologie von vorgestern investiert.

"Saubere Kohle ist eine dreckige Lüge“, sagt Winfried Schwab-Posselt. Der Sprecher der Bürgerinitiative „Stopp Staudinger“ aus dem hessischen Hainburg protestiert wie viele tausend weitere Menschen im östlichen Rhein-Main-Gebiet gegen die Neubaupläne des Eon-Konzerns für den „Block 6“. Einer der weltweit größten Steinkohleblöcke mit einer Leistung von 1100 Megawatt, 1,2 Milliarden Euro teuer, soll im Kraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg bei Hanau entstehen. Am Mittwochvormittag erteilte das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt die erste Teilbaugenehmigung. Vier Stunden später demonstrierte n Schwab-Posselt und seine Mitstreiter spontan vor den Schloten am Mainufer.

Wirklich erstaunt habe die Entscheidung nicht, sagt der Aktivist und verweist auf die längst erklärte Sympathie der hessischen Landesregierung für „diesen fossilen Dinosaurier“. Die Behörde habe hier nur noch als Vollzugsorgan gehandelt und alle Einwendungen ignoriert. Als Grundlage dienten die von Eon selbst vorgelegten Gutachten zur Ausbreitung und Menge der Schadstoffe, zu den Besonderheiten des Rauchgaskühlturms und zu den Auswirkungen der Emissionen auf Mensch, Tier und Pflanzen. Sie zeichneten kein realistisches Abbild der tatsächlichen Belastungen und Risiken, werfen Kritiker dem Konzern vor.

Als reale Bedrohung hatten Kraftwerksnachbarn auf der anderen Mainseite in Hanau den Kohlemeiler erst im Sommer erlebt. Damals verpestete Dieselgestank die Luft, in den Wohnungen fand sich ein schwarz-brauner Niederschlag. Ursache: Die Kohle in dem 58 Meter hohen Brennstoffbunker hatte sich so sehr erhitzt, dass es zu Ausgasungen, möglicherweise auch Schwelbränden kam. Der Bunker war als Vorbote für Block 6 errichtet worden und sollte die Umgebung eigentlich vom Staub der offenen Kohlehalden entlasten. Nun befeuerte der Rundbau von 125 Metern Durchmesser die Proteste zusätzlich.

Mit der gestrigen Teilgenehmigung könnte Eon nun auch das Kesselhaus und den Kühlturm errichten, der mit 180 Metern Höhe alles in der Gegend buchstäblich in den Schatten stellen würde. Weitere Teilgenehmigungen für den Betrieb sind für die nächsten Monate avisiert. Doch Projektleiter Herbert Urban teilte mit, man wolle erst die erwarteten Klagen prüfen, die etwa von der Stadt Hanau vorbereitet werden.

Die Stadt will das Vorhaben weiter entschieden bekämpfen

Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) bekräftigte am Mittwoch, die Stadt werde das Vorhaben weiter entschieden bekämpfen. Nun bleibe nur noch der juristische Weg, „um den Menschen der Region die weitere Schadstoffbelastung zu ersparen“. Der OB setzt darauf, dass sich wie bisher einige Nachbarkommunen an dem Kampf beteiligen werden.

In einer öffentlichen Anhörung des RP hatte eine Allianz aus Kommunen, Umweltverbänden und zwei Bürgerinitiativen eine Woche lang versucht, die Genehmigungsunterlagen zu zerpflücken. Auch 8500 Bürger hatten förmlich Einspruch gegen Block 6 eingelegt. Kaminsky kritisiert, dass in dem Verfahren „weder der Energiebedarf kritisch hinterfragt wurde noch umweltverträgliche Alternativen der Energieerzeugung vertieft geprüft wurden“.

Eon lässt allerdings offen, wie sehr überhaupt noch auf den Neubau gesetzt wird angesichts der veränderten Bedingungen auf dem Energiemarkt. Erst kürzlich hatten die Stadtwerke Hannover ihre Beteiligung von 12,6 Prozent an dem umstrittenen Projekt an Eon zurückgegeben. Schwab-Posselt lässt das hoffen, dass das Vorhaben doch noch für immer in den Schubladen verschwindet: „Es passt nicht mehr ins Konzept.“

Sicherlich komme die Wirtschaftlichkeit noch einmal auf den Prüfstand, sagt Staudinger-Sprecherin Julia Katzenbach-Trosch. Aber man sei zuversichtlich, mit dem besseren Wirkungsgrad und dem geringeren Schadstoffausstoß von Block 6 ältere Kraftwerke der Konkurrenz aus dem Markt zu drängen.

Die Verlagerung von Abnahmekapazität ist zugleich der Anlass für den massiven Widerstand von Initiativen und Politikern seit über fünf Jahren. Block 6 soll zwar drei alte Kohleblöcke des 1965 errichteten Kraftwerks Staudinger ersetzen. Allerdings ist der älteste bereits seit neun Jahren stillgelegt. Die beiden übrigen erzeugen nur halb soviel Strom wie Block 6, mit dem der Kohlebedarf von zwei auf bis zu vier Millionen Tonnen jährlich steigen würde.

In der Folge würde sich der Ausstoß an klimaschädlichem Kohlenstoffdioxid von fünf auf acht Millionen Tonnen im Jahr erhöhen, wie Eon selbsts einräumt. Der Konzern verweist aber lieber auf eine andere Kennziffer: Pro Kilowattstunde sinke die CO2-Emission um 20 Prozent.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Ausbau des Kohlekraftwerks Staudinger in Großkrotzenburg im FR-Spezial.

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