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Todesurteil in Hanau Mit dem Schwert gerichtet

Vor 150 Jahren wurde auf dem Schafott das letzte Todesurteil in Hanau vollstreckt. Der Delinquent soll im Rheingau eine Frau ermordet haben.

06.01.2011 17:08
Andreas Zitzmann
Finster war die Gerichtsbarkeit in früheren Zeiten. Foto: stock_xchng

Der 11. Januar 1861 gehört nicht zu den Tagen, die in den Hanauer Annalen mit Ruhm und Ehre zu verbinden wären. Bei frostigen Temperaturen schauten sich auf der Lehrhöfer Heide bei Großauheim angeblich mehr als 12000 Menschen an, wie der 43 Jahre alte Ökonom Johann Heinrich Nolte aus dem nordhessischen Herlingshausen mit dem Schwert enthauptet wurde.

Im Mai 1860 hatte ihn ein Hanauer Gericht für schuldig befunden, etwa ein Jahr zuvor im Rheingau eine gewisse Emilie Lotheisen ermordet zu haben. Die Hinrichtung auf dem Schafott am Stadtrand war die letzte in Hanau. Das ist nun fast auf den Tag genau 150 Jahre her. Der Großauheimer Heimat- und Geschichtsverein und der örtliche Förderkreis Kultur erzählen am kommenden Dienstag, 11. Januar, bei einer Veranstaltung die Geschichte des spektakulären Prozesses und der noch aufsehenerregenderen Vollstreckung des Urteils.

Zweifelhafte Indizien

Der Ablauf des Verfahrens hätte heutigen Ansprüchen an Beweisführung nicht genügt. Nolte – offenbar eine Art Lebemann – war von Zeugen zusammen mit der recht vermögenden Emilie Lotheisen in Assmannshausen beobachtet worden. Kurze Zeit fand man die verstümmelte Leiche der jungen Frau im Rhein. Nolte „kurte“ zu dieser Zeit in (Bad) Nauheim. Dort wurde er auch festgenommen und zum zuständigen Gericht nach Hanau überstellt.

In der Verhandlung bestand er bis zum Schluss auf seiner Unschuld. Hauptbeweismittel der Anklage waren Blutspuren an seinen Hosenbeinen. Nolte behauptete, sie stammten von seinen Krampfadern. Die zwölf Geschworenen – alles angesehene Hanauer Bürger – ließen sich jedoch von den Indizien der 80-seitigen Anklageschrift überzeugen. Ihr Obmann war der Apotheker Carl Wilhelm Heraeus (!). Er verkündete: „Es werde der Angeklagte des Mordes schuldig erkannt und deshalb verurteilt, mit dem Schwert vom Leben zum Tode gerichtet zu werden.“

So ganz sicher schienen sich im Übrigen die Geschworenen nicht gewesen zu sein, glaubt Reiner Kargl, Vorstandsmitglied im Heimat- und Geschichtsverein, der die historischen Fakten zusammengestellt hat. In ihrem Schuldspruch plädieren die Geschworenen dafür, den Angeklagten der „landesfürstlichen Gnade“ zu überweisen. Der Versuch seines Verteidigers, beim Oberappellationsgericht in Kassel Revision einzureichen, scheiterte aber ebenso wie das Gnadengesuch beim Kurfürsten.

Beifall und Blutdurst

Ein Dreivierteljahr später wurde Nolte von einem 200 Mann starken Militärkommando zur Hinrichtungsstätte geführt. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Herr Gott, hilf und Jesus rette mich.“ Dann schlug Scharfrichter Christian Schwarz mit seinem Schwert zu. Die Chronisten berichten von Beifall – und davon, dass einige der Zuschauer vom Blut des Hingerichteten tranken, dem man besondere Heilkräfte zuschrieb.

Das Schafott gibt es heute noch – ein gemauertes Podest mit Treppe auf dem Gelände der Old Argonner Kaserne, versehen mit dem Schild „Historical Monument“. Ursprünglich befand sich die Hinrichtungsstätte nahe Schloss Philippsruhe, wurde dann aber auf Geheiß von Kurfürst Wilhelm II. an den Stadtrand verlegt. Dort werden Rainer Kargl und Ortsvorsteher Gerhard Luber am Dienstag im Zwiegespräch die grausige Geschichte des Johann Heinrich Nolte erzählen.

Die Veranstaltung des Heimat- und Geschichtsvereins findet am Dienstag, 11. Januar, ab 19 Uhr auf dem Gelände der Old Argonner Kaserne statt, Zufahrt von „In den Tannen“. Der Eintritt ist frei.

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