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Steinau Beim Landarzt gehen die Lichter aus

Schon in fünf Jahren könnte es in der Steinauer Innenstadt keinen einzigen Hausarzt mehr geben - die Inhaber der vier Praxen sind allesamt über 60 Jahre alt. Auch in Wächtersbach, Schöneck, Hammersbach oder Ronneburg ist die Lage nicht viel besser.

16.09.2010 14:56
Jörg Andersson
Streikende Hausärzte auf dem Steinauer Marktplatz Foto: Renate Hoyer

Norbert Hanff und Cornelia Kunz haben ihre Praxen in Steinau am Mittwoch zugeschlossen – nur für ein paar Stunden, um am Marktplatz gegen die Sparpläne von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) zu protestieren. Schon in fünf Jahren könnten allerdings alle vier Hausarztpraxen im Stadtkern für immer dicht sein, betont Hansjoachim Stürmer, Bezirksvorsitzender des Hessischen Hausärzteverbandes.

Sämtliche Mediziner im Stadtkern sind 60 Jahre und älter. Auf dem Land finde man kaum einen Nachfolger, sagt Hanff (60). „Die 200.000 Mark, die ich vor 20 Jahren in meine Praxis gesteckt habe, ließen sich heute gar nicht mehr erwirtschaften.“ In Steinau ist der Altersdurchschnitt der sogenannte Landärzte besonders krass, was rund 100 Mediziner und Praxis-angestellte veranlasst hat, hier und nicht in Hanau oder Gelnhausen zu demonstrieren.

Doch auch im Spessart, in Wächtersbach, Schöneck, Hammersbach oder Ronneburg sind mehr als die Hälfte der Ärzte 55 Jahre und älter. Willi Heinrich (62) will noch ein paar Jahre arbeiten, ist aber skeptisch, was dann aus seinem Arztsitz in Langenselbold wird. Bis 2015 droht jeder fünfte Hausarzt im Kreis zu verschwinden, prognostiziert das Gesundheitsamt.

Die Übriggebliebenen werden dann kaum noch in der Lage sein, ihre Patienten gründlich zu behandeln, befürchtet Stürmer. Eine alternde Bevölkerung mit zunehmend chronisch Kranken, deren Behandlung aus Sicht der Ärzte im System unzureichend vergütet wird, setzen fort, was Bürgermeister Walter Strauch (SPD) als „Teufelskreislauf“ bezeichnet. Um diesen zu unterbrechen, müssen finanzielle Anreize für den Landarzt geschaffen werden, betont der Rathauschef. Geld dafür könnten die Krankenkassen anderswo einsparen, darunter Milliarden, wenn die Medikamente hierzulande ebenso billig wären wie etwa in Schweden.

„Wir ersticken in Formularen, Leitlinien und Budgets“, klagt Stürmer (59). Doch während die Belastung ständig wachse, seien die hessischen Hausärzte bei der Honorarverteilung „wieder mal mit einer Nullrunde“ dabeigewesen. So sauer wie jetzt seien die Hausärzte noch nie gewesen, unterstreicht Willi Heinrich. Ein besseres Behandlungssystem gebe es in Bayern und Baden-Württemberg, was hierzulande bisher verhindert werde.

In einer Protestnote warnt der Hausärzteverband davor, diesem Bereich 500 Millionen Euro entziehen zu wollen. Zur Verbesserung der ambulanten Versorgung müsse die hausarztzentrierte Versorgung im Rahmen einer dreijährigen Pilotphase weitergeführt werden, mahnte Ulrich Dehmer im Namen des Ärztenetzes Spessart – ein Verbund für mittlerweile 50000 Patienten in der Region Gelnhausen/Schlüchtern.

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