Lade Inhalte...

Schulen in Sinntal Wunsch nach mehr Zeit

Vor Ort will man keine Schule ohne Not schließen.

04.09.2012 00:37
Jörg Andersson

Der Trend der Schülerentwicklung im Bergwinkel ist eindeutig und alarmierend. Und doch gibt es je nach Standpunkt verschiedene Interpretationen. Matthias Zach (Grüne) setzt auf den Überblick. Bis 2016 gehe die Zahl der Grundschulkinder um gut ein Fünftel, bis 2030 gar um 40 Prozent zurück, sagt der Schuldezernent, der in Sinntal drei von acht Dorfschulen schließen will. Damit die fünf verbleibenden zukunftssicher sind, wie er sagt.

Die Betroffenen sehen das anders. „Keine Schließung ohne Not“, entgegnet Carsten Ullrich (SPD). Der Bürgermeister, Schulleiterinnen und Eltern haben die Zahlen der einzelnen Dorfschulen im Blick. Aus denen lässt sich für sie bis 2017 kein zwingender Schließungsgrund ableiten. Selbst für Sannerz und Mottgers steht im Schulentwicklungsplan noch die Mindestgröße von 13 Kindern auf dem Papier.

Doch was sind die Zahlen wert? Man kann sie nicht wegdiskutieren, betont Zach. Harald Stelzner sieht das anders. „Auch die Prognosen für den Planungszeitraum 2007 bis 2011 seien viel düsterer gewesen als die tatsächliche Entwicklung“, sagt Züntersbachs Ortsvorsteher und macht eine andere Rechnung auf: Investitionsbedarf gebe es aktuell nicht; im Falle der Schulschließung fielen dafür erhebliche Schülerbeförderungskosten an.

Zach hat es auch in dieser Mediationsrunde nicht leicht. Beifall ertönt in der Mehrzweckhalle Sterbfritz immer dann, wenn die örtlichen Akteure leidenschaftlich für den Erhalt der Dorfschulen plädieren. Einmal muss sich der Kreisbeigeordnete in der dreieinhalbstündigen Sitzung sogar auslachen lassen, was Mediator Eberhard Luft sogleich zu einer Rüge für den Saal veranlasst. Anlass war Zachs Aussage, manch Benehmen und Verhalten wie etwa Stillsitzen werde Kinder heute oft erst in der Schule beigebracht. So was lässt sich mit dem Familienverständnis in Sinntal nicht in Einklang bringen. „Es ist ein anderes Klima hier“, resümiert der Kreisbeigeordnete am Ende.

Zwei Tage zuvor in Bad Soden-Salmünster war er offen attackiert worden. Unmittelbar zuvor hatte ein unbekannter Telefonanruder sogar mit einem Anschlag gedroht und die Polizei mit Spürhunden auf den Plan gerufen.

„Ein Dorf stirbt nicht durch die Auflösung einer Grundschule“, sagt Experte Uli Pohl, lange Referatsleiter für die Schulentwicklung im Kultusministerium.

Auch darauf glaubt der Bürgermeister die Antwort zu haben. „Wir beharren nicht einfach auf dem Bestand“, erwidert Ullrich und führt viele Programme an, teils vom Bund gefordert, in denen man sich in einer Zukunftswerkstatt mit Demografie und Daseinsvorsorge beschäftige. „In Bayern gibt es ein Vorhalteprinzip für Schulen und Kindergärten“, blickt der Rathauschef über die nahe Grenze. „Geben Sie uns Zeit, selbst Lösungen für Veränderungen zu finden.“ „Jossa zeigt, dass Schulschließungen möglich sind“, fügt Ullrich noch hinzu.

Dort haben Eltern Fakten geschaffen. Vor einem Jahr wurde der einzige Erstklässler im Nachbarort Altengronau eingeschult. Im Sommer war es ähnlich. Wenn nächsten Sommer die Viertklässler die Schule verlassen, ist Schluss in Jossa. Aber Sannerz und Züntersbach, die aktuell auf Zachs Streichliste stehen, weil Mottgers soeben einen Neubau erhalten hat, sollen vorerst bleiben.

Experte Pohl sagt, dass die kleinen Standorte ungeachtet ihrer Qualität eine intensivere Lehrerversorgung erforderten, womöglich auf Kosten anderer. Keinen Gedanken würde er an einen Wechsel der Schulträgerschaft verschwenden. Das habe es in ganz Hessen bisher nur einmal gegeben, ohne dass die Probleme deshalb gelöst worden seien.

Keine Rivalität und Verteilungskämpfe untereinander: Darauf haben sich Gemeinde und Schulen vorab festgelegt. Die Sterbfritzer Schulleiterin Jeanette Weigand verweist auf die guten Ergebnisse bei Lernstandserhebungen. „Wir geben genauso viel Schüler ans Gymnasium weiter“, betont Griseldis Mayer-Seidel aus Mottgers. „Die Schule sorgt für die starke Identifikation mit dem Heimatort“, ergänzt Elternbeirätin Sabine Hergenröder. „Sozialarbeit ist da überflüssig.“

Wie klein darf die Dorfschule sein? Mindestens 20, eher bis zu 28 Kinder sollte sie zählen, rät Hochschullehrer Karlheinz Burk und mahnt vor allzu viel Heile- Welt-Betrachtung: „Es sollte nicht immer nur toll und heimelig sein. In der Schule müssen Kinder auch Konflikterfahrungen lernen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen