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Schnelles Geld Stammkunden im Pfandhaus

Niedrigrenten und Hartz IV bescheren den Pfandleihhäusern Konjunktur. Zunehmend versetzen dort auch junge Leute ihre Wertsachen. FR-Autorin Pamela Dörhöfer hat sich in Hanau umgesehen.

Sabine Schröder begutachtet eine Uhr. Foto: Sascha Rheker

Ein unscheinbares Schaufenster in der Nordstraße: Hohe Topfpflanzen erschweren den Blick ins Innere; das ist gewollt. Wer den Laden betritt, fühlt sich wie auf einer Zeitreise: Die hölzerne Theke mit der hohen Glasfront und der kleinen Schublade zum Durchreichen sieht aus wie in einer Sparkasse der 60er Jahre – und genau daher stammt sie wohl auch, sagt Inhaberin Sabine Schröder. Auch wenn das Ambiente einen eigenen Charme hat – an diesem Ort kommt es eher auf Zweckmäßigkeit denn auf Design an: Sabine Schröder ist die Chefin des Hanauer Pfandleihhauses, das ihre Tante 1956 eröffnet und ihr Vater später übernommen hat. Seit einigen Jahren nun führt die Diplom-Betriebswirtin das Geschäft, das sie seit ihrer Kindheit kennt. Sie habe ein solides Auskommen damit, sagt Sabine Schröder: „Die Masse macht es.“

Im Gegensatz zu anderen Leihhäusern habe sie in Hanau aber kaum Auswirkungen der Wirtschaftskrise gemerkt: Während die Branche 2010 einen Zuwachs von fast neun Prozent und damit einen Rekordumsatz verzeichnete, spricht Sabine Schröder von einem gleichbleibenden Geschäft in den vergangenen Jahren: „Die meisten sind ohnehin Stammkunden, darunter viele Rentner und Hartz-IV-Empfänger.“

Allerdings hat sie beobachtet, dass zunehmend junge Leute ihre Dienste in Anspruch nehmen: „Inzwischen kommen viele, die gerade mal 18 sind.“ Als Ursache vermutet Sabine Schröder Handyschulden und frühe Arbeitslosigkeit, wenn Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden. Und noch eine Klientel wächst: Unternehmer mit finanziellen Engpässen, „die Mitarbeiter oder Material bezahlen müssen“. Naturgemäß herrscht der stärkste Betrieb am Monatsende, „für manche könnte ich aber 24 Stunden öffnen“, sagt Sabine Schröder.

Der Gang zum Pfandleihhaus sei für viele leichter als der zur Bank, erzählt sie: „Die Hemmschwelle ist geringer, der Vorgang formloser.“ Man muss sich nur ausweisen (und volljährig sein), aber keinen Vermögensnachweis mitbringen. Die Kunden legen ihre Wertgegenstände einfach auf den Tresen, wo Sabine Schröder sie begutachtet und schätzt.

Das meiste sind Schmuckstücke oder technische Geräte, für die allerdings eine Rechnung vorgelegt werden muss; die Pfandleiherin will vermeiden, Hehlerware anzunehmen. Im Schnitt zahlt Sabine Schröder 50 bis 200 Euro pro Stück aus. Meist gibt es für die Wertsachen ein Viertel des ursprünglichen Preises, sagt sie; den Wert von Ketten, Ringen oder Armbändern bemisst sie nach dem aktuellen Gold- oder Silberpreis und der Verarbeitung – ein Grund, warum viele Pfandleiher Goldschmiede sind.

Ist der Kunde mit dem angebotenen Darlehen einverstanden, wird ein Vertrag über drei Monate abgeschlossen, so lange verbleibt der Gegenstand im Pfandleihhaus. Wer ihn nach dieser Zeit nicht auslösen will, kann den Vertrag beliebig oft um drei Monate verlängern; wer sich nach Ablauf allerdings vier Wochen lang nicht meldet, sieht sein Gut später auf einer Versteigerung wieder, die das Pfandleihhaus dreimal jährlich im Nachbarschaftshaus Tümpelgarten veranstaltet.

Für den Pfandkredit zahlen die Kunden monatliche Zinsen von einem Prozent, hinzu kommt eine gesetzlich festgelegte, gestaffelte Bearbeitungsgebühr für die Lagerung und die Versicherungskosten. Sabine Schröder nennt ein Beispiel: „Wenn ich 100 Euro für eine Sache gebe, wären pro Monat Zinsen in Höhe von einem Euro und eine Gebühr von 2,50 Euro zu zahlen.“

Mehr als 90 Prozent der Gegenstände werden von den Kunden wieder abgeholt, sagt Sabine Schröder. Ein Teil geht aber auch in die Versteigerung – die vor allem viele Händler nutzen, um günstig Schmuck zu erwerben, wie die Pfandleiherin erzählt. Sie selbst verdient an der Auktion übrigens nichts: Was mehr geboten wird, erhält der frühere Besitzer – holt der das Geld nach zwei Jahren nicht ab, geht es an die Stadt.

Teile, die bei den Versteigerungen keine neuen Besitzer finden, gehen im Pfandleihhaus in den freien Verkauf. Tatsächlich sind in den Vitrinen einige schöne und kostbare Schmuckstücke zu bewundern, reich mit Edelsteinen besetzte Ringe, wunderbare Jugendstilketten – Dinge, von denen anzunehmen ist, dass sich jemand einst nur schwer getrennt hat.

„Hinter allem steckt eine Geschichte, ich kenne viele davon“, erzählt Sabine Schröder. Sie sagt aber auch: „Ich darf kein Mitleid haben und stelle deshalb auf Durchzug. Und es gibt auch viele Schauspieler, dafür habe ich inzwischen einen Blick. Aber manche weinen auch.“

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