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Porträt Heinz Schilling „Kultur ist keine Oper“

Er war Uni-Professor, Stadtverordneter und ist seit 33 Jahren Kilianstädter. Der Forscher Heinz Schilling hat seine eigenen Ansichten über Heimat und Region.

22.02.2011 14:16
Jörg Andersson
Kulturpreisträger Heinz Schilling. Foto: Renate Hoyer

Eher zufällig sei er hier gelandet, erzählt der ergraute Herr. Oder doch nicht? „Der Name Kilianstädten hat etwas Anheimelndes“, fügt Heinz Schilling hinzu. Sein Umzug liegt schon lange zurück. Heute genießt der 68-Jährige im Dorf ein gewisses Ansehen.

Als Professor hat er an der Uni Frankfurt den Studiengang „Kultur und Politik“ aufgebaut. Fünf Jahre saß Schilling als Grüner im Gemeindeparlament. Und in der nahen Hirzbacher Kapelle verkündet er im Förderverein kulturpolitische Botschaften. So fühlt sich Schilling nach 33 Jahren im Ort als „akzeptierter Fremder“. Als ihm jüngst der Kulturpreis des Main-Kinzig-Kreises verliehen wurde, habe ein Nachbar gemeint: „Nun haben wir einen Prominenten in der Gasse.“ Schilling hat freundlich abgewehrt. Abgehoben ist der Kulturanthropologe nicht, auch wenn er sich nicht als Teil der Dorfgemeinschaft empfindet. „Zugezogene können in die nicht so eintreten, wie ins Mutter-Kind-Turnen.“

Mehr als 100 Publikationen

In Seligenstadt aufgewachsen, weiß Schilling, wovon er spricht. Zudem hat kaum jemand so intensiv die Befindlichkeiten der Menschen im Rhein-Main-Gebiet und das Spannungsfeld zwischen Alteingesessen und Zugezogenen studiert, über Globalisierung, Spießer und Vereine ebenso geschrieben, wie über ein Frankfurter Nobelviertel oder Lokalpatrioten in Gelnhausen – mehr als 100 wissenschaftliche Publikationen. Schilling: „Kultur ist Alltagsleben, keine Oper.“

In der schnelllebigen, globalisierten Welt habe sich die Bedeutung von Heimat verändert, stehe mehr für die Erdung im sozialen Umfeld denn für ein räumlich abgegrenztes Gebiet, erläutert der Kulturforscher. Die örtliche Gemeinschaft sei aufwendiger, weil sie Verpflichtungen mit sich bringe, sagt er und führt als Gegenbeispiel soziale Netzwerke wie Facebook auf. Dort könne man folgenlos aussteigen. Schilling ist kein Anhänger davon, vor allem, weil dort fast nur über Konsum kommuniziert werde.

Die Integration in Großstädten fällt leichter. „Kaum noch ein Frankfurter ist aus Frankfurt. Statistisch tauscht sich dort alle zehn Jahre die Bevölkerung aus“, sagt der Wissenschaftler, der Jahre als Journalist beim Saarländischen Rundfunk arbeitete und ein Faible für Französisches entwickelt hat.

Sympathie und Verständnis hegt er auch für die Landbevölkerung im Rhein-Main-Gebiet, das sich mit der regionalen Identität schwer tue. Schilling schwärmt von der fantastischen Landschaft in Vogelsberg oder Spessart. Gegenden, „die auszubluten drohen“, wie der Kulturforscher wegen der demografischen Entwicklung befürchtet. Er wünscht sich einen runden Tisch, um ungenutzte Ressourcen zu wecken, Kreativität zu fördern. Ein Patentrezept habe er aber nicht.

Fast schon „paradox“ schätzten die Bewohner die Nähe zu Frankfurt ein, die Zentralität und Aura der Großstadt mit Metropolencharakter. Bei allem Respekt werde Frankfurt aber nicht geliebt, gelte als „laut und schmutzig“. Schilling spricht von einem emotionalen Zaun. „Man möchte Frankfurt haben, aber nicht sein.“ Eine Meinung, die bis in die Kreispolitik reicht. Das hat Schilling geholfen, als „Botschafter des Main-Kinzig-Kreises“ verstanden und gewürdigt zu werden.

Und was stiftet im Osten Frankfurts Identität? „Am ehesten die A 66“, glaubt er.

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