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Missbrauch Hanau Verkannte Opfer

Die Beratungsstellen Lawine und Hanauer Hilfe beraten Jungen und junge Männer nach sexuellen Übergriffen. Das Thema wird oft verharmlost, vor allem, wenn Jungen betroffen sind.

23.01.2013 22:20
Von Nikolas Sohn
Heike Karau und Thomas Lutz beraten bei der Lawine. Foto: Monika Müller

Die Beratungsstellen Lawine und Hanauer Hilfe beraten Jungen und junge Männer nach sexuellen Übergriffen. Das Thema wird oft verharmlost, vor allem, wenn Jungen betroffen sind.

Auf den ersten Blick wirkt die Geste freundlich und harmlos: Ein Mann lädt in eine sogenannte offene Wohnung ein. Ein Junge darf dort nach der Schule Mittag essen oder Playstation spielen. Tatsächlich aber baut der Erwachsene gezielt ein Vertrauensverhältnis auf, das er später für sexuelle Übergriffe ausnutzt.

Genauso sind Fälle zudringlicher Vereinstrainer oder missbrauchender Familienmitglieder bekannt. „In der Öffentlichkeit wird sexualisierte Gewalt in der Regel mit Übergriffen auf Mädchen oder Frauen verbunden, weniger mit Missbrauch an Jungen“, sagt Thomas Lutz von der Hanauer Hilfe.

Jeder siebte Junge ein Opfer

In Hanau verdeutlichte eine Fachtagung, die von den Beratungsstellen Hanauer Hilfe und Lawine initiiert wurde, die Problematik: Jeder siebte bis neunte Junge wird im Verlauf von Kindheit und Jugend zum Opfer sexualisierter Gewalt. Die beiden Beratungsstellen wollen das Thema stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken. In Schulen und zahlreichen Einrichtungen der Jugendhilfe leisten die Mitarbeiter der Organisationen bereits seit längerem Aufklärungsarbeit.

Die Lawine unterstützt Jungen bis zum Alter von zwölf Jahren, ältere Jugendliche und junge Männer berät unter anderen Thomas Lutz von der Hanauer Hilfe. „Als Opfer zu gelten, ist bei Jungs nahezu ausgeschlossen“, sagt er. „Viel ist dabei mit Schuld-und Schamgefühl verbunden. Häufig besteht auch die Angst, in die homosexuelle Ecke gestellt zu werden. Dies hängt mit der spezifischen Rollenzuweisung der Geschlechter zusammen.“ Hier müsse die männliche Rolle in Frage gestellt werden. Das seien oftmals auch die Gründe, sich jemandem nicht anzuvertrauen. Auch von Familie und Freunden werden diese Übergriffe häufig nicht als Gewalt wahrgenommen oder verharmlost.

Jahrelange Therapie

Während die Jungen in der Lawine die Möglichkeit haben, das Geschehene bei einer Kinder- oder Traumatherapie zu verarbeiten, hilft Lutz in beratenden und therapeutischen Gesprächen. Beide Einrichtungen begleiten Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch Strafverfahren oder vermitteln sie in psychotraumatologische Fachkliniken oder an Psychotherapeuten. Beratung und Therapie dauern manchmal bis zu drei Jahre, mancher sucht sogar als Mittzwanziger erneut das Gespräch.

Hilfestellung ist oft in besonderen Lebenssituationen vonnöten: Von der Kindheit hin zur Pubertät, bei Lebenskrisen wie Scheidung, nach Unfällen. Dann kommen die alten Gefühle und Bilder des Missbrauchs wieder an die Oberfläche. „Es braucht viel Zeit über Gefühle wie Ekel, Wut und über die vermeintlich liebevollen Verstrickungen zu reden,“ so Lutz.

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