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Steingut-Fabrik erneut insolvent

Brachttal 75 Beschäftigte betroffen / Kritik an Eigentümer Rosenthal

06.09.2011 22:35
Jörg Andersson
Traditionsreich, aber unprofitabel: Wächtersbacher Keramik Foto: dpa

Was die Belegschaft seit Monaten befürchtet, ist nun Gewissheit: Die über 175 Jahre als „Wächtersbacher Keramik“ bekannte Steingut-Fabrik in Schlierbach ist zahlungsunfähig. Nach einer Betriebsversammlung wurden die 75 Beschäftigten am Montagmorgen nach Hause geschickt. „Wir können keine Rohstoffe mehr bezahlen“, beschreibt Werksleiter Rainer Mann die Lage. Insolvenzantrag ist gestellt. „Viele haben Tränen in den Augen“, sagt Gisela Hennies, die wie alle Mitarbeiter noch auf den August-Lohn wartet.

Die Betriebsratsratsvorsitzende und Wolfgang Werner von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) sind sauer. Beide sprechen von Ausbeutung. In der Kritik steht Turpin Rosenthal, Eigentümer mit klangvollem Namen und einst als Retter gefeiert. Der Enkel des Porzellanfabrik-Gründers Philipp Rosenthal war im Herbst 2006 auf den Plan getreten, als das Unternehmen nach langer Insolvenz schon einmal verloren schien.

Im Verbund mit der Könitz Porzellan Gesellschaft in Thüringen sollte die Keramikfabrik erhalten werden. Der 49-Jährige schwärmte vom industriellen Know-how bei „Waechtersbacher“, das sich nicht nach Taiwan verlagern lasse und betrachtete kleine Produktionsserien und die Farbenvielfalt als Marktnische.

In einem schwierigen Marktumfeld einigten sich Unternehmer und Gewerkschaft auf einen Haustarifvertrag, der den Beschäftigten in einer ohnehin nicht verwöhnten Branche weitere Zugeständnisse bei Lohn, Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Arbeitszeit abverlangte. Durch Verzicht auf Lohnerhöhung und wiederholte Kurzarbeit hätten sich daraus „Hungerlöhne“ entwickelt“, klagte die Gewerkschaft Anfang Juni und sprach von einer „dramatischen Situation“.

Denn die zugesicherten Investitionen in eine Werkstätte, die schon vom langjährigen Eigentümer Ysenburger Fürstenhaus vernachlässigt worden sei, habe es im Gegenzug für die Zugeständnisse der Belegschaft nie gegeben, betont BCE-Bezirksleiter Werner. Stattdessen habe Rosenthal den Betrieb in fünf Gesellschaften zerlegt und sich den Markennamen „Wächtersbacher Keramik“ gesichert. Seit 2010 firmiert das Werk als „Keramische Fertigungsstätte Brachttal“ GmbH. „Wir zahlen nun Miete für baufällige Gebäude, in die es reinregnet“, klagt Gisela Hennies. Auf der anderen Seite stünden die Produkte, darunter der mehr als 50 Millionen Mal in alle Welt exportierte Henkelbecher, unter ständigem Preisdruck.

Wegen des Lohnverzichts müsse sich die Belegschaft, überwiegend Frauen und ältere Mitarbeiter, nun auf Hartz-IV-Niveau einrichten. „Ich bekomme demnächst nicht mehr als 775 Euro Arbeitslosengeld“, sagt Hennies.

Betriebsleiter Rainer Mann will in der gegenwärtigen Lage „nicht noch mehr Geschirr zerschlagen“. Der 52-Jährige hegt noch „eine gewisse Hoffnung“, dass mit dem Insolvenzverfahren in der Fabrik die Lichter nicht alle ausgehen werden. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter hat das Gericht den Frankfurter Juristen Franz-Ludwig Danko bestellt. Eine Einschätzung sei von Danko erst in einigen Tagen zu erwarten, sagte eine Mitarbeiter auf Anfrage der Frankfurter Rundschau.

Nicht zu erreichen war am Montag auch Turpin Rosenthal. Der Unternehmer hatte der FR im Juni verkündet, das Werk in Schlierbach mit Idealismus und Gewinnen aus Thüringen am Leben erhalten zu wollen, obgleich das Geschäft seit Jahren stagniere und zuletzt ein großer Kaufhaus-Kunde abgesprungen sei.

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