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Ein Maler mit vielen Gesichtern

Retrospektive des Gelnhäuser Künstlers Wilhelm Eidam in der ehemaligen Synagoge

Das letzte Bild vor dem Bruch in der künstlerischen Laufbahn des Malers Wilhelm Eidam zeigt einen Jazzmusiker. Lässig sitzt der blonde Mann mit Fliege am Schlagzeug, hinter ihm ein Zuhörer, den Kopf entspannt auf den Arm gestützt. Ein für die Zeit modernes Bild mit expressionistischen Zügen. Für den Gelnhäuser Eidam bedeutete es 1932 das vorläufige Ende als freier Künstler: Jazz galt den Nationalsozialisten als "Affenmusik", sein Stil als entartet - und überdies hatte Eidam an der Staatlichen Kunsthochschule Berlin bei einem Juden studiert, dem großen Max Liebermann. Eidam bekam Berufsverbot und arbeitete fortan als Kopist am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt und als Berufsberater in Wetzlar.

Zu Eidams 100. Geburtstag in diesem Jahr zeigt die Stadt Gelnhausen derzeit in der ehemaligen Synagoge eine Retrospektive seines Werks. Zu sehen sind Bilder aus allen Schaffensperioden von 1929 bis 1991. Allerdings krankt die Schau daran, die Arbeiten ohne erkennbares System zu präsentieren, sie sind weder thematisch noch chronologisch geordnet.

So hängen frühe Ölbilder, poppig-bunte abstrakte Gemälde aus den 60ern, surreal anmutende Kompositionen, akribische Porträtzeichnungen und oft kitschige Heimatlandschaften kreuz und quer an den Wänden - angesichts der Unterschiede in Stil und Qualität ist es kaum zu glauben, dass es sich um die Werke eines Künstlers handelt. Die mit Abstand besten Arbeiten sind die Gemälde aus der Zeit vor 1932; leider sind viele Werke von damals im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, als das Haus der Schwiegereltern in Hanau bombardiert wurde.

Später hat Eidam nie mehr an diese Qualität anknüpfen können, was mit seiner schweren Kriegsverletzung zu tun hatte: Bei einem Angriff der Briten in der Bretagne verlor er den rechten Arm und einen Fuß. Bereits im Lazarett fing Eidam an, das Schreiben mit links zu üben. Tatsächlich gelang es ihm, diese Hand so zu trainieren, dass er wieder malen konnte - wenn auch zunächst nur etwas eckig, was der Künstler durch geometrische Formen zu kompensieren versuchte. Ende der 50er gelangen Eidam auch die Rundungen wieder.

1947 hatte er angefangen, als Kunstlehrer am Grimmelshausen-Gymnasium zu arbeiten. Dort blieb Eidam bis zu seiner Pensionierung 1970. Als Pädagogen kennen ihn bis heute viele Gelnhäuser aus eigener Erfahrung. Noch bis 1991, zwei Jahre vor seinem Tod, hat Eidam gemalt. Allerdings musste ihm zuletzt der Pinsel zwischen die Finger gesteckt werden: Denn auch an der linken Hand hatte er eine Kriegsverletzung, die im Alter zu schmerzen anfing.

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