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Am Anfang war die Pulvermühle

Hanau Der Stadtteil Wolfgang wurde vor 80 Jahren gegründet

Jubileen feiern, wie sie fallen, dass tun die Wolfgänger gern - auch wenn ein frisch Zugezogener in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Hause schrieb, dass die Leute in dem kleinen Ort zwar nett, aber doch "furchtbar schüchtern" seien. Diese Anekdote wurde am Sonntag bei einer Festveranstaltung im Bürgerhaus erzählt, wo mit knapp 300 Besuchern der 80. Jahrestag der Gemeindegründung gefeiert wurde.

Ein großes oder markantes Jubiläum ist es nicht, und Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) räumte denn auch vor den Gästen ein, dass man im Hanauer Rathaus ohne die Aufmerksamkeit des Ortsbeirats das Datum wohl übersehen hätte. Dabei steht der Stadtteil mit knapp 1800 Einwohnern, der Großauheim angehört, mindestens seit Herbst auf der Rathausagenda.

Militär als Geburtshelfer

Das Gros der 340 Hektar Konversionsfläche nach Abzug der US-Armee liegt auf Großauheim-Wolfgänger Gemarkung. Dort entsteht ein Stück Zukunft für Hanau. Nach dem Einholen des Stars-and-Stripes-Banners auf dem Gelände der Argonner Kasernen endete für Wolfgang die Zeit der Militarisierung.

Das Militär war auch der Geburtshelfer des späteren Dorfes. 1880 herrschten die Preußen über das Gebiet und bauten wegen der guten Bahnanbindung im nahen Lamboy eine Pulvermühle. Die einsame Lage war auch nicht unerheblich. Acht Jahre später flog die Munitionsfabrik erstmals in die Luft. Tote wurden beklagt. Die alte Pulvermühle, in der heute eine Diskothek ist, wurde mit dem aufziehenden ersten Weltkrieg zu klein. Ein paar Hundert Meter weiter wurde ein neuer Standort erschlossen. Bis 1918 produzierten dort bis zu 5000 Menschen Munition für die Kanonen des Kaisers.

Bis 1928 bestand Wolfgang aus ein paar Wohnhäusern, einem Forstamt und einem Industriegebiet, statt Granaten wurde dort nun Kunstleder hergestellt. In Januar 1929 wählten 95 Stimmberechtigte Georg Giez zum ersten Bürgermeister. Die Argonner Kaserne wurde gebaut, die Degussa übernahm das Industriegebiet. Kein Vorteil für Wolfgang, das seinen Namen übrigens nach dem heiligen Wolfgang von Regensburg erhielt, zu dessen Ehren 1468 in der Bulau eine Kapelle gebaut wurde. Aufgrund der kriegswichtigen Produktion wurde das Dorf im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten massiv bombardiert.

Im Jahr 1960 setzte die Degussa einen weiteren Markstein Wolfgänger Geschichte mit der Gründung der Nukem. In Wolfgang entstand das Zentrum der deutschen Nuklearindustrie. Das Dorf, das 1974 von Hanau eingemeindet wurde, wurde nun abschätzig "Atomdorf" genannt. In den 80er Jahren tobten dort heftige Anti-Atom-Proteste. Nach der Schließung der Brennstabproduktion vor mehr als zehn Jahren zog vor wenigen Wochen der Verwaltungsgerichtshof Kassel unter die Geschichte der Atomenergie in Wolfgang einen Schlussstrich: Die Firma Nuclear Cargo + Service darf kein drittes Strahlenmülllager dort bauen.

Und auch in anderer Hinsicht kann Wolfgang sich freuen: Das 44 Jahre alte Bürgerhaus wird bald durch ein neues ersetzt.

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