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Main-Kinzig-Kreis Windenergie Gegen Wildwuchs bei Windkraft

Im Main-Kinzig-Kreis vermehren sich die Konflikte um die Windenergie. Bürgerinitiativen und Gemeinden bangen um das Bild ihrer idyllischen Dörfer. Sie haben Angst, dass der "Spessart zugestellt" wird.

23.08.2013 13:08
Christoph Süß
Im Main-Kinzig-Kreis gibt es nicht nur Befürworter der Windenergie. Foto: Rolf Oeser

Nirgends in Hessen gibt es derzeit so viele Windkraft-Projekte wie im Main-Kinzig-Kreis. Rund 100 Räder führt das Regierungspräsidium in seiner Liste. Etwa die Hälfte davon steht schon, der Rest ist im Bau oder befindet sich im Genehmigungsverfahren. Aufgrund der Regionalplanung von Rot-Grün wären im Main-Kinzig-Kreis über 1500 Räder möglich. Doch auch bei der konservativeren Planungsvariante von Schwarz-Gelb läge der Kreis mit rund einem Drittel aller geeigneten Flächen weiter an der Spitze vor Rheingau-Taunus und dem Vogelsberg-Kreis.

Heftige Bürgerproteste

Wer die Internet-Seite der Main-Kinzig-Gemeinde Birstein aufruft, sieht dort keine Windräder. Stattdessen wirbt der staatlich anerkannte Erholungsort – selbst ernannte „Perle des Vogelsbergs“ – mit seinen idyllischen Dörfern inmitten scheinbar unberührter Natur. Weil die Gemeinde dieses Bild in Gefahr und sich massivem Gegenwind ihrer Bürger ausgesetzt sah, hat sie bereits vor Jahren damit begonnen, den Windkraftausbau auf ihrem Territorium zu bremsen. Nach einer jahrelangen Hängepartie ist es ihr jetzt gelungen, einen großen Windpark zu verhindern. Vor wenigen Tagen hat das Regierungspräsidium Darmstadt erstmals im Main-Kinzig-Kreis ein Vorhaben abgelehnt – unter anderem unter Hinweis auf Birsteins strenge Bauvorschriften. „Wenn wir nicht gehandelt hätten, stünden die Anlagen schon“, sagt Birsteins Bürgermeister Wolfgang Gottlieb. Das Land habe seine Gemeinde schließlich im Stich gelassen. In seiner weit verzweigten Gemeinde waren Ende der 90er Jahre die ersten Windräder im Main-Kinzig-Kreis aufgestellt worden. Bereits 2010 hatte sich die Gemeinde nach heftigem Bürgerprotest gegen den Bau weiterer Windräder auf ihrem Gebiet ausgesprochen.

Zu dem Zeitpunkt drehten sich über Birstein schon elf Räder, im benachbarten Vogelsberg-Kreis gab es weitere. Seitdem sind in Birstein keine neuen Anlagen hinzugekommen. Lediglich in drei eigens dafür ausgewiesenen Arealen sollte der Bau weiterer Windräder möglich sein. „Wir wollten keinen Wildwuchs“, begründet der parteilose Bürgermeister die strikten Vorgaben. Am Anfang sei er für seinen Plan, den Ausbau zu lenken, belächelt worden. Nun gebe ihm der Widerstand in zahlreichen anderen Gemeinden recht. Jüngstes Beispiel im Main-Kinzig-Kreis ist die Gemeinde Linsengericht. Diese will gegen massiven Widerstand der Bürgerinitiative (BI) Windkraft im Spessart schon bald die ersten Räder im Gemeindewald bauen lassen. Sie verspricht sich davon Pachteinnahmen in sechsstelliger Höhe und will ihre Bürger per Post dazu befragen. Der Vorschlag der BI, darüber gleichzeitig mit den Wahlen am 22. September abstimmen zu lassen, fand keine Mehrheit im Parlament.

Soonwald als Horrorvision

Aus Sicht der BI begeht die Gemeinde mit dem Forcieren der Windkraft einen großen Fehler. „Weil die Gemeinde Geld braucht, soll der Spessart zugestellt werden“, sagt der Naturwissenschaftler Berthold Andres. Dabei eigneten sich große Teile des Gemeindewalds aufgrund seiner Nähe zu bewohnten Gehöften und des Tiervorkommens gar nicht dafür. Zudem würde die Nachbargemeinde auf bayerischer Seite damit geradezu herausgefordert, Linsengericht ebenfalls Windräder an die Gemarkungsgrenze zu setzen. Horrorvision der Bürgerinitiative ist der Soonwald im Hunsrück, über dem es bereits einen riesigen Windpark gibt. Nach einem Besuch dort vor wenigen Tagen kehrten die BI-Aktivisten nach eigenen Angaben „deprimiert und erschrocken“ zurück. Für ihre Darstellung des Anblicks und der Auswirkungen auf die Ortsentwicklung wurden sie von SPD und Grünen im Kreis heftig kritisiert. Der BI ginge es nicht um Aufklärung, sondern um eine „fundamentale Gegnerschaft gegen die Windenergie“.

Der rot-grün regierte Main-Kinzig-Kreis ist selbst einer der Hauptbetreiber des Windkraftausbaus im Kreis. So hatte dieser über seine Kreiswerke die ersten beiden Windräder in Birstein bauen lassen. Im März haben die Kreiswerke mit zwei Partnern eine Naturenergie-Gesellschaft gegründet, die weitere Windparks bauen und betreiben soll. Ziel des Main-Kinzig-Kreises ist es, bis 2016 – rein rechnerisch – alle Haushalte mit Ökostrom versorgen zu können.

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