Lade Inhalte...

Lesen in Hanau "Die Literatur verschwindet aus der Schule"

Der Hanauer Schriftsteller Ewart Reder spricht über seinen Debütroman, Jugendliche und die Minnelehre.

29.03.2012 23:31
Ewart Reder (54) unterrichtet Deutsch an der Ludwig-Geißler-Schule. Außerdem ist er Literaturkritiker. Foto: Oeser

Mit „Die Liebeslektion“ hat Ewart Reder vor kurzem seinen Debütroman veröffentlicht (Horlemann Verlag). Die Handlung kreist um den Schüler Max, der seine Lehrerin zur Geisel nimmt, eine Freundschaft und gleich drei Liebesbeziehungen. Am Donnerstag, 29. März, stellt Reder um 20 Uhr das Buch in der Hanauer Stadtbibliothek vor.

Herr Reder, was haben die mittelalterliche Minnelehre, Geiselnahme und Schule gemeinsam?

(lacht)Dass sie in meinem Buch vorkommen. Die Grundidee ist die, dass eine Lehrerin ihren Schülern die Minnelehre von Hartmann von Aue präsentiert, um ihnen eine neue Perspektive auf ihr Liebesleben zu geben. Die Geiselnahme ist dann der große Prüfstein, auf den sowohl die Lehrerin als auch die Liebespaare treffen.

Warum entscheidet sich die Lehrerin gerade für die Minnelehre?

Sie will die Jungs dazu bringen, sich mit ihrer Umwelt auseinander zu setzen. Sie will verhindern, dass Tarik in seine Liebesbeziehung und Max in seine Klassenstellung als Angehöriger der reichen Oberschicht zurück fallen. Damit will sie abwenden, dass die beiden ihre Freundschaft einfach kaputt gehen lassen. Ganz ähnlich geht es auch in Hartmanns „Erec“ darum, dass Liebende sich nicht - auch nicht in ihrer Leidenschaft - verstecken dürfen.

An einer Stelle sagt der Vater von Max: Zu lernen gebe es aus der Literatur nichts, für das Leben jedenfalls. Stimmt das?

Das ist natürlich Feindstandpunkt für mich. Literatur beruht auf Erfahrung und genauso direkt teilt sie sich Jugendlichen mit. Das tun die wenigsten Inhalte, die in der Schule gelehrt werden. Im Übrigen kann es da die Literatur mit dem Film, dem Internet und virtuellen Welten locker aufnehmen. Weil sie von Einzelnen verfasst ist, ist sie dem Standpunkt, den ein Einzelner einnimmt und finden möchte, sehr viel näher als andere Medien. Das Zitat von Max’ Vater zeigt die momentane gesellschaftliche Tendenz. Die Literatur verschwindet aus der Schule. Entweder wird sie aus dem Lehrplan verbannt oder sie wird – wie in Hessen – durch Traditionalismus erledigt. Das ist vielleicht der sicherere Weg, um ihre Wirkung auf Schüler zu zerstören.

Merken Sie das an Ihren Schülern?

Es gibt Ausnahmen, aber bei einem Großteil trifft es zu.

Sie sind selbst Deutschlehrer in Hanau. Wie viel hat der Roman mit den Jugendlichen zu tun, die Sie dort betreuen?

Die Charaktere sind sicher Produkte meiner Auseinandersetzung mit Jugendlichen, auch wenn die Figuren keine Vorbilder in meinen aktuellen Klassen haben. Manche der Probleme, die in dem Roman vorkommen, gerade interkulturelle Auseinandersetzungen und schwierige Liebesbeziehungen sind auch Probleme meiner Schüler. Mit Gewalt haben wir aber an unserer Schule glücklicherweise nur selten zu tun.

Dürfen wir denn noch einen Roman von Ihnen erwarten?

So Gott will und ich lebe, noch einige. Ich sage immer, sie stehen Schlange in meinem Kopf und wollen raus. Dafür werde ich aber noch Chancen brauchen, noch viele Schulferien oder die Rente.

Das Interview führte Christian Engel

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum