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Kampf gegen Fluglärm "Ich traue den Herren nicht mehr"

Wolfgang Hartmann lebt in Hasselroth-Niedermittlau. Der Fluglärm lässt das Dorf nicht zur Ruhe kommen. Jahrelang kämpft Hartmann nun für mehr Ruhe am Himmel und betreibt seit 2004 eine eigene Messstation.

07.01.2012 03:03
Wolfgang Hartmann erklärt die Flugspuren auf dem Monitor. Foto: Hoyer

Herr Hartmann, seit wann stört der Fluglärm über Ihrem Ort?

Seit dem 19. April 2001. Damals wurden von der Deutschen Flugsicherung (DFS) die Anflughöhe erheblich herabgesenkt und die Anflugstrecke weit in das Kinzigtal hinausgeführt – und damit auch über Niedermittlau, dass Luftlinie rund 45 Kilometer von der Landebahn entfernt liegt.

War der Lärm damals belastend?

Der Krach war von Anfang an sehr störend, so sehr, dass ich im September 2004 der IG Fluglärm Hanau-Kinzigtal beigetreten bin. Seitdem betreibe ich an meinem Haus auch eine Messstation der IGF, die seit diesem Dezember sogar kalibriert und damit gerichtsfest ist. Die Daten werden seit der Inbetriebnahme 2004 von mir täglich archiviert und sind damit immer abrufbar.

Stellt der Fluglärm für Sie eine Verletzung der ländlichen Ruhe dar oder gibt es gesundheitliche Auswirkungen?

Ich leide seit 2001 unter extremen Schlafstörungen. Besonders in den ersten Jahren des Irak-Kriegs als die US-Armee mit ihren Flugzeugen nachts über das Haus donnerten. Dann stand ich senkrecht im Bett. Vor drei Jahren kam Bluthochdruck hinzu, wegen des Lärmstresses.

Wegen des Lärmstresses?

Es muss so sein. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Trotz verschiedener Medikamententherapien kriegen ich es nicht in den Griff. Bei einem Info-Abend im vergangenen Jahr in Hanau stellte Professor Greiser seine Studie über gesundheitliche Folgen von Fluglärm vor. Darin hieß es, dass Bluthochdruck nur eine Folge seien könne. Lärm könne aber auch Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs auslösen.

Mit welcher Erwartung sind Sie der IG Fluglärm beigetreten?

Die Bürgerinitiative zu stärken und gegen dieses Vollgas-Anflugverfahren gemeinsam vorzugehen, das mit seiner erhöhten Abgas- und Lärmemission Menschen und Umwelt belastet. Die DFS lässt die Maschinen bis zu 50 Kilometer vor dem Flughafen in niedriger Höhe im Horizontalflug ansteuern, was eine immense Spritvergeudung und damit ein Raubbau an den natürliche Ressourcen bedeutet. Hier steht auch die Politik im Widerspruch zudem, was sie vom Bürger hinsichtlich der Energieeinsparung und dem Umweltschutz fordert.

Sind Sie im Laufe der Jahre ihrem Ziel näher gekommen oder hat sich eher wenig bewegt?

Leider konnte nur in kleinen Schritten etwas bewegt werden.

Woran lag das?

Vielleicht liegt das an der Trägheit der Masse oder an der Mentalität. Bei den Menschen in Mainz und Wiesbaden läuft es anders, dort entlädt sich heftiger Protest etwa mit den montäglichen Demos im Flughafengebäude, obgleich sie im Vergleich zu den Bewohnern des Kinzigtals nicht zu 80, sondern nur zu 20 Prozent im Jahr vom Anflug-Fluglärm betroffen sind.

Wirkt die Trägheit somit als Signal für die Fraport?

Ganz eindeutig. Vor ungefähr vier Jahren hatte der damalige Fraport-Chef Bender bei einer Veranstaltung in Gelnhausen bemerkt: Was wollt ihr denn? Hier gibt es doch keinen Fluglärm. Es beschwert sich jedenfalls keiner. Und die zwei, drei Psychopathen, die regelmäßig Beschwerden absetzen, die nehmen wir nicht für voll. So das Zitat von Bender.

Haben lokale Politiker damals auch abgewiegelt?

Es wurde alles heruntergespielt, das stimmt. Beschwichtigt hat auch immer die DFS. 2009 waren wir von der IG zu einem Gespräch eingeladen über die unzumutbare Fluglärm-Situation im Kinzigtal und den Ausbau der neuen Nordwest-Landbahn, in Langen. Auf Folien wurde uns gezeigt, was künftig an Lärmschutz mit Anhebung des Anfluggrundwinkels getan werden soll. Nichts ist passiert. Heute wissen wir, das Gegenteil ist eingetreten. Man hat die Mindestflughöhe sogar um 400 Meter auf 1000 Meter über Meeresspiegel abgesenkt. Seit März wurden an meiner Messstation Spitzenwerte von bis zu 100 Dezibel gemessen.

Sind die Menschen in Hasselroth, wo Sie sehr aktiv sind, auch so leidensfähig wie die im Kreis?

Die Belastung der Menschen in der Gemeinde hat mittlerweile die Schmerzgrenze erreicht. Dennoch herrscht bei manch einem die Meinung, man kann ja doch nichts machen. Das stimmt aber nicht, wenn man die aktuellen Proteste sieht. Wir müssen im Main-Kinzig-Kreis als Bürger alle an einem Strang ziehen. Es kann nicht sein, dass wir Bürger die Sonderopfer für die Gewinne der Aktionäre bringen sollen und zur Käfighaltung gezwungen werden und weitere Benachteiligungen aufgrund des Wertverlustes unserer Immobilien hinnehmen!

Woran mangelt es?Der Bürger weiß oft nicht, wie er sich bei DFS und Fraport beschweren kann. Nach meinem Vortrag im Ort vor 400 Leute hat sich das Verhalten stark geändert. Gab es zuvor 1700 bis 2000 Beschwerden pro Monat aus Hasselroth, stieg der Wert nach dem Vortrag auf bis zu 22000 im Monat. Damit führt Hasselroth, was die Beschwerden über den Deutschen Fluglärmdienst (DFLD) angeht, im Kreis die Tabelle an.

Nicht Hanau?

Aus Stadt Hanau kamen in diesem Jahr gerade mal 488 Beschwerden über die DFLD Seite.

Ist das Abschicken von Beschwerden Frustbefreiung oder darf man auf eine Reaktion hoffen?

Wer sich häufig über Fluglärm beklagt, erhält gelegentlich schon einen Standardbrief der Fraport.

Manager der Fraport äußerten dieser Tage Verständnis über die Wut und den Schock der Betroffenen. Hören Sie daraus ehrliche Anteilnahme?

Ich höre daraus Scheinheiligkeit. Ich traue den Herren nicht mehr – auch nicht denen von der DFS. Man wird nur belogen und betrogen. Das gilt auch für das Drohmittel Jobmotor. Wenn man sich die Geschäftsberichte von 2007 bis 2009 der Fraport anschaut, stellt man fest, dass die Jobzahl immer kleiner wird. Vielleicht auch wegen Auslagerungen an Billiglohnfirmen. Die Manager denken nur an die Gewinne der Aktionäre. Die Belastung der Bevölkerung steht hierbei außen vor, auch, dass der Jobmotor Main-Kinzig ruiniert wird. Wenn es echte Betroffenheit wäre, dann würde die Fraport auch was gegen den unerträglichen Fluglärm unternehmen, wie es nach dem Luftverkehrsgesetz, Paragraf 29 zum Fluglärm, gefordert wird.

Das Interview führte Detlef Sundermann

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