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Indo-Rock in Hanau Der Beat war des Indo-Rocks Tod

Helmut Wenske berichtet in seinem neuen Buch „Black Eyes“ über Ruhm und Elend der Indo-Rocker in Hanau. Er stellt das Schicksal von fünf Bands vor.

Helmut Wenske
Der Hanauer Maler, Schriftsteller und Musiker Helmut Wenske. Foto: Sascha Rheker

Wer kennt noch Indo-Rock? Helmut Wenske alias Chris Hyde kennt ihn nicht nur, er hat ihn auch als Zeitzeuge vor allem in Hanau erlebt. Jetzt hat der Mann, der etwa „Rock’n’Roll Tripper“ und „Scheiß drauf!“ schrieb oder durch die TV-Dokumentation „Roll Over Hanau“ führt, seine Erlebnisse und sein Wissen in ein Buch gepackt. „Black Eyes“ lautet der Titel. Auf rund 290 reich bebilderten Seiten stellt Wenske, Jahrgang 1940, zumindest in Deutschland die nur wenige Jahre dauernde Epoche eines Rockstils dar, der aus den Niederlanden kam, die Wurzel der Musiker aber im asiatischen Raum zumeist in Niederländisch-Guayana und Indonesien lagen.

ntsprechend war das Temperament auf der Bühne - gar nicht so, wie man es aus der Heimat von „Frau Antje“ erwartete. Dass der Indo-Rock hierzulande die zweite Hälfte der 60er Jahre dennoch nicht überlebte, schreibt Wenske nicht zuletzt der aufkommenden englischen Musikströmung zu. „Der Beat war des Indos Tod“, sagt er. Genauer gesagt, als die Musiker von der Insel endlich ihre Instrumente gut genug für eine erfolgreiche Karriere beherrschten, präzisiert Wenske. Vielleicht war auch die Zahl der Indo-Band aus den Niederlanden zu gering und das musikalische Repertoire zu sehr auf Cover-Songs begrenzt, dass es für den ganz großen Durchbruch gereicht hätte, wie der Autor in seinem Werk darlegt.

Wenske beschreibt den Werdegang und das Schicksal von fünf Bands: The Black Dynamites, The Black Magic, The Crazy Rockers, The Javalins und The Tielman Brother, die wohl mit zu den bekanntesten Vertretern ihres Genres zählten. Die „Tielmänner“, wie Wenske sie bezeichnet, schafften es mit einem Auftritt bei der Weltausstellung 1958 in Brüssel und die Unterhaltungsgiganten Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld holten die Band ins deutsche Fernsehen. Was sie allerdings 1966 in der ARD mit dem Song „Wanderer Ohne Ziel“ abliefern, zeigt die „Tielmänner“ wie mit Schlafmittel behandelt und ungewohnt hüftsteif. Mit Orchester und Chor war die Schnulze zudem durch und durch verkommerzialisiert. Die zunehmende musikalische Gefälligkeit war ebenso ein Sargnagel des einst wilden, aber denn virtuosen Stils à la Bill Haley, Jerry Lee Lewis oder Chuck Berry. „Später hat sich auch der Sound der Indo-Bands verändert, es kamen Saxophon, Keyboard und was weiß ich noch für’n Scheiß dazu“, sagt Wenske in Gespräch mit der FR.

„Black Eyes“ wäre nur halb so interessant, würde darin Wenske nicht als Kenner der damaligen Hanauer Clubszene schreiben und – wie in seinen vorangegangenen Büchern auch – nicht in seiner authentischen, prägnanten Sprache erzählen. Er erzählt ungeschminkt von Nutten und Zuhältern, vom Kaff Hanau und dass am Pay Day ein GIs schon mal unter erhöhtem Alkohol- und Testosteronpegel jemand vor einer Bar abstach, dass „literweise Blut floss“. Nur weil es wieder einmal um ein „Frollein“ ging.

Gleichwohl Tielmans & Co schon bald ordentliche Gagen von den Barbesitzern erhielten, wurden sie von ihnen alles andere wie Könige behandelt. „Die Moonlite-Bar war ein berüchtigter Schuppen in der Krämerstraße“, erzählt Wenske. Einige Indo-Rocker übernachteten dort um Geld zu sparen in einem maroden Anbau. Der hatte keine Scheiben in den Fenstern, so dass die „Musiker nachts ihre Bühnenklamotten davorhängen mussten, damit sie sich auf den modrigen Matratzen im Winter nicht den Arsch abfroren.“ Die Künstlerverpflegung in den Pausen der Gigs bestand zumeist aus „ranzigen Bratwürstchen und Pommes“. Die Jungs aus den Niederlanden investierten nicht wenig Gage in Bühnenanzüge, Gitarren und mannshohen Verstärkern – und in „Frolleins“.

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