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Hanauer Sektenfall Schuldfähigkeit von Mordverdächtiger wird überprüft

Nach der Mordanklage im Hanauer Sektenfall soll ein Gutachter die Verdächtige untersuchen. Ihr wird vorgeworfen, 1988 einen Vierjährigen getötet zu haben.

Symbolfoto Gericht
Justitia ist wachsam (Symbolfoto). Foto: Sascha Rheker

Im Fall des kleinen Jan, der 1988 in einer mutmaßlichen Sekte starb, holt das Landgericht ein psychiatrisches Gutachten über die wegen Mordes angeklagte Anführerin ein. Mit Hilfe des Gutachtens solle die juristische Verantwortlichkeit der 70-Jährigen geprüft werden - also vor allem, ob sie schuldfähig wäre. Das teilte Peter Grasmück, Vorsitzender der Ersten Großen Strafkammer am Hanauer Gericht, auf Anfrage der FR mit. Mit einem Ergebnis rechnet Grasmück, auch wegen des großen Umfangs der Akten, in etwa drei Monaten.

    Das Gericht hat noch nicht entschieden, ob ein Hauptverfahren gegen die Frau, die sich offenbar als Medium Gottes betrachtet, eröffnet wird. Die in Auftrag gegebene Expertise dürfte einen wesentlichen Einfluss darauf haben, wie es weitergeht. Es gibt mehrere Möglichkeiten: Sollte die Verdächtige etwa für schuldfähig erklärt werden und das Gericht der Auffassung sein, sie sei hinreichend tatverdächtig, käme es zum Prozess. Ein hinreichender Tatverdacht liegt vor, wenn eine Verurteilung als wahrscheinlicher gilt als ein Freispruch. Sollte das nicht der Fall sein, würde das Verfahren eingestellt.

    Sollte die 70-Jährige für nicht schuldfähig erklärt werden, könnten weitere Gutachten und schließlich - nach einem Prozess - eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus infrage kommen. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Gericht könnten diese "Maßregel der Besserung und Sicherung" beantragen beziehungsweise anordnen. Sie kann neben oder statt einer Strafe zum Tragen kommen.

Klage im September erhoben

    Oberstaatsanwalt Dominik Mies hatte im September Anklage erhoben. Zuvor war etwa zweieinhalb Jahre lang ermittelt worden. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass die Angeschuldigte den damals Vierjährigen - dessen Mutter ihn in die Obhut der Hanauerin gegeben hatte - "grausam" und "aus niedrigen Beweggründen" getötet hat. Jan sei in einem Sack und bis über den Kopf eingeschnürt ins Bad zum Schlafen gelegt worden. Die Angeklagte habe ihn seinem Schicksal überlassen, "obwohl sie dessen Panik aufgrund seiner intensiven Schreie wahrgenommen hatte". Jan habe in dem Sack sterben müssen; die Verdächtige habe ihn als "Schwein" und "Reinkarnation Hitlers" angesehen.

    Die FR hatte 2014 als Erste über die Hanauer Gruppe berichtet und dazu beigetragen, dass die Ermittlungen zu Jans Tod 2015 wiederaufgenommen wurden. Das Verfahren vor 29 Jahren wurde schnell eingestellt, weil "keine Hinweise auf ein Fremdverschulden" vorgelegen hätten. Er sei im Schlaf an erbrochenem Haferschleim erstickt, so der damalige Befund des Notarztes. Es wurde jedoch nicht obduziert.

    Laut übereinstimmenden Aussagen von Aussteigern standen die Angeschuldigte und ihr im Oktober nach schwerer Krankheit verstorbener Ehemann, ein früherer Pastor, an der Spitze der Gruppe. Sie gaben demnach vor, mit Gott kommunizieren zu können, und gaben den anderen Mitgliedern Anweisungen, kontrollierten deren Leben. Die Gruppierung sei oft von psychischer und physischer Gewalt geprägt gewesen. Besonders Jan habe darunter leiden müssen.

Keine Stellungnahme von Verteidigerin

    Aussteiger bezweifeln, dass die 70-Jährige jetzt bereit ist, mit einem psychiatrischen Sachverständigen zu sprechen und sich von ihm für das Gutachten untersuchen zu lassen. Sie habe diese Wissenschaft abgelehnt, genauso wie psychiatrische Einrichtungen. Das Gutachten könnte nach Angaben des Gerichts allerdings auch nach Aktenlage erstellt werden, zumindest vorläufig. Während eines möglichen Prozesses könnte sich ein Psychiater ein genaueres Bild machen.

    Zur Prüfung der Schuldfähigkeit hat der Verteidiger der Hanauerin auf FR-Anfrage bis Redaktionsschluss nicht Stellung genommen. Zuvor hatte er die Vorwürfe gegen seine Mandantin zurückgewiesen. Es gebe keine objektiven Anhaltspunkte dafür. Der Anwalt teilte unter anderem mit, dass das Todesermittlungsverfahren 1988 abgeschlossen worden sei, weil "keinerlei Anzeichen von Fremdeinwirkung festzustellen waren". Seine Mandantin wisse, dass sie sich nichts habe zuschulden kommen lassen, und könne dem Ende des Verfahrens beruhigt entgegensehen. Er sieht eine Hetzkampagne. Auf Bitten um Stellungsnahme zu den anderen Vorwürfen hatte der verstorbene Mitbegründer einst ebenfalls geantwortet, es handele sich um eine Rufmordkampagne.

 

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