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Hanau Stiche in den Hals und ins Auge

Im Revisionsprozess um die in Schlüchtern begangene Gesichtsverstümmelung sagt das Opfer erstmals aus.

Justizia
Justizia ist wachsam (Symbolbild). Foto: imago

Mustafa H. muss in den Gerichtssaal geführt werden; sein Sehvermögen wurde ihm fast vollständig genommen. Eine getönte Brille schützt seine Augen und Lider. Obwohl ihn jener Abend im Oktober 2016 nach wie vor extrem belastet, spricht der 20-jährige Geflüchtete aus Somalia ganz ruhig: Er habe bei Dawit W. geklingelt, um – wie verabredet – die 50 Euro zurückzubekommen, die W. sich geliehen habe. Oben, an der Tür, habe der 20-jährige Asylsuchende aus Eritrea ihn hereingebeten und ihm kurz darauf den ersten Stich in den Hals versetzt. Ihn dann in die Wohnung gezogen, weiter attackiert und gesagt: „Ich bringe dich um. Ich esse dein Fleisch.“

Im Revisionsprozess um die in Schlüchtern begangene Gesichtsverstümmelung hat am Montag erstmals der Geschädigte ausgesagt. Wegen versuchten Totschlags sowie schwerer und gefährlicher Körperverletzung war W. 2017 zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Die zweite große Strafkammer des Landgerichts sah es als erwiesen an, dass er H. nach einem Streit zwei lebensgefährliche Stiche zufügte, ihm Teile der Lider und Ohren abschnitt und die Augäpfel malträtierte. Die Staatsanwaltschaft hatte lebenslange Haft wegen Mordversuchs gefordert, die Verteidigung höchstens zehn Jahre. Beide Seiten legten Revision ein, und der BHG hob das Urteil wegen Rechtsfehlern auf. Die erste große Strafkammer hat nun unter anderem das Motiv zu klären und ob W. in Tötungsabsicht handelte. Die Männer kannten sich aus der Schule und einer Einrichtung für Geflüchtete.

Er habe zwischenzeitlich das Bewusstsein verloren, aber gespürt, wie W. ihm ins Auge stach und in seine Ohren biss, sagte Mustafa H. Kurz darauf habe er Kaugeräusche gehört. Warum es so weit kam, könne auch er sich nicht erklären: „Ich habe W. vorher als ganz normalen Menschen erlebt.“ Vier Monate lang musste H. im Krankenhaus behandelt werden, er leidet weiter unter Schmerzen und Schluckbeschwerden. Nach dem Klinikaufenthalt setzte er sich zu Verwandten in die Schweiz ab.

W. gab über seinen Anwalt eine Erklärung mit einer anderen Version ab: Geld habe er sich nicht geliehen. Sie hätten auf der Playstation gespielt und seien in Streit geraten, weil H., der gewann, ihn hänselte, beleidigte und schließlich an seinem Anhänger mit Kreuz – ein Geschenk der Mutter – riss. Dann sei es zu einer Schlägerei gekommen. An den Ablauf habe er keine Erinnerung. Diese sei erst wieder eingesetzt, als die von einer Nachbarin gerufene Polizei im Zimmer stand. „Es tut mir sehr, sehr leid. Ich bin sicher, dass ich nicht die Absicht hatte, ihn zu töten oder so zu verletzen.“

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt, es gibt noch viele offene Fragen. So soll H. bei der Polizei gesagt haben, er und Dawit W. seien Freunde, telefonierten häufiger. Jetzt beschrieb er ihn nur als Bekannten. Und sowohl die 50 Euro als auch der Zoff an der Playstation sind als Auslöser schwer vorstellbar.   

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