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Hanau Philipp-Mitarbeiter bangen um Zukunft

Das Amtsgericht Hanau hat für die Bekleidungsfirma J. Philipp ein vorläufiges Insolvenzverfahren angeordnet und den Rechtsanwalt Frank Schmitt als Insolvenzverwalter eingesetzt. Die Situation sei schwierig, so Schmitt. Von den 84 Beschäftigten bleiben 79 freigestellt.

Philipp-Mitarbeiter protestieren in einer Filiale von Camp David. Foto: Alex Kraus

Frank Schmitt will für das traditionsreiche Bekleidungsunternehmen J. Philipp und dessen Mitarbeiter kämpfen. „Die Aufgabe der kommenden Wochen ist es zu prüfen, ob das Unternehmen mindestens noch in Teilbereichen saniert und aufrechterhalten werden kann“, teilt Schmitt nach der Mitarbeiterversammlung am Dienstag mit. Allen Beteiligten müsse aber klar sein, „dass ein ruhender Produktionsbetrieb deutlich schwerer zu sanieren ist als ein Unternehmen, das den Geschäftsbetrieb vollumfänglich aufrechterhält.“ 79 der insgesamt 84 Beschäftigten werden von der Arbeit freigestellt bleiben.

Die Chance ist klein. Das Hauptproblem: „Nach dem Abtransport vieler wesentlicher Maschinen können wir die Herstellung von Herrenbekleidung nicht wieder aufzunehmen“, so Schmitt. Der Outlet-Verkauf laufe aber weiterhin. „Ich prüfe, inwieweit wir in den kommenden Tagen unseren Kunden die Änderungsschneiderei wieder anbieten können.“

Das Amtsgericht Hanau hat für J. Philipp ein vorläufiges Insolvenzverfahren angeordnet und den Hanauer Frank Schmitt von der Kanzlei Schultze & Braun zum Insolvenzverwalter bestellt. Dagegen hat das Gericht die Insolvenz in Eigenverwaltung, die der für Philipp zuständige Geschäftsführer Joachim Sproß beantragt hatte, abgewiesen. Sproß wollte die Hanauer Firma nach eigenen Angaben in verkleinerter Form weiterführen, mit 25 Mitarbeitern. Laut Schmitt hat das Gericht jedoch keine aktiven Sanierungsbemühungen erkennen können. Zudem hatte Sproß beim Handelsregister die Liquidation beantragt.

Bei einer Eigenverwaltung bleibt die Geschäftsführung im Amt und bekommt einen Sachwalter an die Seite. Dieses Verfahren bietet sich bei von Zahlungsunfähigkeit bedrohten Firmen an, die gute Chancen auf eine Rettung haben. Dafür dürfen laut Gesetz keine Umstände bekannt sein, die zu Nachteilen für die Gläubiger führen könnten. Für eine Stellungnahme war Sproß am Dienstag nicht zu erreichen.

Auch wenn die Situation mehr als schwierig ist – die Stimmung unter den Beschäftigten sei gut und kämpferisch, sagt Robert Weißenbrunner von der IG Metall. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Insolvenzverwalter Schmitt mit einem langen Applaus empfangen und einen positiven Eindruck von ihm, so Weißenbrunner. „Wir sind heilfroh, dass es kein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung gibt“, sagt Weißenbrunner und fügt hinzu: „Jetzt können wir ernsthaft über Perspektiven sprechen. Und prüfen lassen, ob hier Dinge gelaufen sind, die rechtlich zumindest fragwürdig sind.“

Der Modekonzern Clinton, dem auch die Marke Camp David gehört, hatte J. Phillip 2013 übernommen und im Januar dieses Jahres der Pacemark Finance GmbH, die Firmen auflöst, überlassen. Der Großteil der Beschäftigten wurde freigestellt, die Nähmaschinen und das Mobiliar wurden abtransportiert.

Laut IG Metall fehlt vielen Beschäftigten Geld, weil die Februar-Gehälter nicht gezahlt worden seien. Daraufhin wurde eine Spendenaktion gestartet (siehe Hinweis). Eine große Spende in Höhe von 20 000 Euro kam von der ursprünglichen Eigentümerfamilie Philipp.

Schmitt will Löhne sichern

Zwischen Geschäftsführer Sproß und Betriebsrat sowie Gewerkschaft gibt es schon seit Wochen riesige Differenzen. Die Mitarbeiter-Vertreter werfen Sproß und den Philipp-Eignern unter anderem Insolvenzverschleppung, Untreue und Diebstahl vor. Sproß wiederum wollte klären lassen, ob die Wahl des Betriebsrates ordnungsgemäß war.

Die Unternehmenszentrale der Firma Clinton im brandenburgischen Hoppegarten wird ausgebaut, mit Hilfe von Fördergeld in zweistelliger Millionenhöhe. Voraussetzung für die Subvention sollen mehr als 100 neue Arbeitsplätze in Brandenburg gewesen sein – ungefähr genauso viele, wie in Hanau verlorengehen könnten. Clinton und das brandenburgische Wirtschaftsministerium haben den Vorwurf der Verlagerung von Arbeitsplätzen aber zurückgewiesen.

Insolvenzverwalter Frank Schmitt schaut jetzt nach vorne: Erst müsse er sich jedoch einen detaillierten Überblick über die Situation des Unternehmens verschaffen. Zunächst gehe es darum, die Löhne und Gehälter der Beschäftigten zu sichern. „Wir stehen in Kontakt mit Banken und der Agentur für Arbeit, um das Insolvenzgeld vorzufinanzieren“, sagt Schmitt. Damit könnten die Beschäftigten das noch ausstehende Februar-Gehalt und später die Löhne und Gehälter für März und April ausbezahlt bekommen. Allerdings müssten noch juristische Hürden übersprungen werden. Auch in diesem Zusammenhang ist der Produktionsstopp ein Nachteil.

Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) sagt, er sei erleichtert, dass Geschäftsführer Joachim Sproß mit seinem Antrag auf Eigenverwaltung gescheitert ist. „Mein Vertrauen in Herrn Sproß ist auf der Nulllinie“, so Kaminsky. „Die Situation ist sehr schwierig, aber Frank Schmitt hat schon in anderen Fällen bewiesen, dass er ein sehr kompetenter Insolvenzverwalter ist.“ Schmitt werde prüfen, ob bei Philipp in jüngster Zeit alles mit rechten Dingen zugegangen sei oder Vermögenswerte entwendet worden seien.

CDU-Bürgermeisterkandidat Joachim Stamm sagt, er sei sehr froh, dass Schmitt eingesetzt wurde. Er setze auch darauf, „dass der Insolvenzverwalter genau in die Bücher schaut und die Verflechtungen entwirrt“, so Stamm. „Wir müssen alles für das Wohl der Mitarbeiter tun und so viel wie möglich für sie herausholen. Dazu gehört auch, den öffentlichen Druck hoch zu halten.“

Robert Weißenbrunner räumt ein, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Fortsetzung der Produktion mit vielen Mitarbeitern gering sei. „Aber es ist nicht ausgeschlossen“, betont der Gewerkschafter. „Vielleicht springt ein Konkurrent oder ein Großkunde ein.“ J. Philipp habe einen guten Ruf, auch überregional.

Gleichzeitig soll dafür gekämpft werden, „für Mitarbeiter ordentliche Entschädigungen zu erreichen“, so Weißenbrunner. Er weiß, dass bei insolventen Unternehmen die Hoffnung auf gute Abfindungen und Sozialpläne ebenfalls gering ist. Aber: „Die Firma Clinton ist verantwortlich und hat Geld. Darauf werden wir immer wieder hinweisen und öffentlich Druck machen.“

Spenden können bis kommenden Freitag auf das Solidaritätskonto bei der Landesbank Hessen-Thüringen überwiesen werden: IBAN DE23 5005 0000 0000 001040, BIC HELADEFF, Empfänger IG Metall, Verwendungszweck: Solidarität J. Philipp.

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