Lade Inhalte...

Hanau Eingeengt und zum Warten verdammt

Flüchtlinge klagen über kleine Zimmer, Konflikte und seit Monaten bestehende Mängel. Die Stadt widerspricht ihren Darstellungen.

Im Sportsfield Housing bereitet die Stadt eine große Sammelunterkunft für Asylsuchende vor. Foto: Monika Müller

Als die junge Frau mit ihrer Familie aus Afghanistan floh, musste sie um ihr Leben kämpfen. Und um das Leben des Kindes, das in ihrem Bauch wuchs und strampelte. Sie kämpfte gegen die Hitze, den Durst, den Hunger, gegen die Müdigkeit, die Enge, Verzweiflung und viele andere Hindernisse. Auf einem Schiff bekam die Afghanin kaum noch Luft und drohte zu ersticken. Doch sie hielt durch, mit unvorstellbarer Kraft, und brachte ihr Kind schließlich in Deutschland zur Welt.

Die Flucht hat Spuren hinterlassen. Zwar geht es der Mutter inzwischen besser, allerdings leidet sie an den Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung und Depressionen. Deshalb hat die Familie Anfang 2015 beim Sozialamt eine „Ausnahme von der Regelunterbringung“ beantragt. Die Familie will die Gemeinschaftsunterkunft in Großauheim verlassen und sich auf dem privaten Wohnungsmarkt selbst ein Zuhause suchen.

Kein Rückzugsraum

Mit sechs Menschen in zwei relativ kleinen Zimmern sei die Wohnsituation in der Unterkunft so beengt, dass die Kinder nicht in Ruhe für die Schule lernen könnten, schreibt die Familie. Sie müssen gedrängt auf Matratzen schlafen, wie ein Foto belegt. Die kleine Küche und eine Toilette mit Dusche müssten sich neun Menschen teilen. Wegen ihrer psychischen Erkrankung brauche die Mutter dringend einen Rückzugsraum. Das bestätigt ein beiliegendes Attest. Durch „das zum Teil sehr konflikthafte Teilen von Küche und Bad“ werde die Frau „psychisch zusätzlich sehr stark belastet“, heißt es darin, ein Umzug der Patientin in eine eigene Wohnung sei „dringend indiziert“.

Der Main-Kinzig-Kreis teilt auf FR-Anfrage mit, dass die Angelegenheit bearbeitet werde, aber noch nicht entschieden sei.
Es sind nicht die einzigen Missstände, über die Flüchtlinge, die in Hanau untergebracht sind, klagen. Eine Gruppe Asylsuchender hat der FR auch von Problemen in einem Hotel, in einem Haus im Freigerichtviertel sowie am Hafen berichtet. Teilweise haben andere Flüchtlinge für die unmittelbar Betroffenen gesprochen, auch weil diese Angst vor Konsequenzen haben.

Nach Angaben der Stadt sind derzeit 339 Flüchtlinge dezentral in Wohnungen untergebracht, 60 in Gemeinschaftsunterkünften wie jener in Großauheim, 23 in Hotels. In den kommenden Monaten soll auf dem früheren US-Army-Gelände Sportsfield Housing eine große Sammelunterkunft für mehrere hundert Flüchtlinge entstehen.

„Wir sind zusammengewürfelt worden, kommen fast alle aus unterschiedlichen Ländern und können uns so gut wie gar nicht verständigen. Und es ist sehr laut hier“, beschreibt ein Flüchtling die Lage am Hafen. Die insgesamt zehn Betten in der Wohnung, die er fotografiert hat, seien belegt. Die Doppelstockbetten sind so dicht angeordnet, dass sich der unten Liegende im Bett kaum aufrichten kann. Auch hier könnte die Enge zu Konflikten führen, weil Bewohner durch ihre Flucht psychisch belastet sind. Zudem treffen hier unterschiedliche Mentalitäten aufeinander. Die einen wollten häufiger lauter Musik hören, die anderen lieber lernen.

Im Freigerichtviertel kommen die Bewohner gut miteinander zurecht. Aber sie bemängeln – neben der Tatsache, „dass wir nicht arbeiten und selbst Geld verdienen dürfen“ – feuchte und schimmelige Stellen und bröckelnden Putz in der Wohnung. „Wir haben die Stadt schon vor mehreren Monaten darauf hingewiesen“, sagt ein Flüchtling.

„Die Stadt hat mir gesagt, dass ich nur vorübergehend im Hotel leben müsste, jetzt bin ich schon seit fast einem Jahr hier“, sagt ein anderer Flüchtling. Im Hotel gebe es keine Waschmaschine, mehr als 20 Menschen müssten sich eine Küche teilen, die zwischen 20 Uhr und 8 Uhr geschlossen sei. Obwohl den Flüchtlingen von ihrem Geld pauschal für Aufwendungen wie Strom und Ausstattung gut 30 Euro abgezogen werden. Besuche würden mal erlaubt, mal nicht. Weshalb, sei mitunter nicht nachvollziehbar. Außerdem würden Verlegungen vorgenommen, mit denen die Bewohner nicht einverstanden seien. So wie im Fall eines Asylsuchenden, der einen kranken Mitbewohner betreute und plötzlich umziehen sollte. Erst nachdem die Diakonische Flüchtlingshilfe vermittelt habe, sei eine Lösung gefunden worden.

Klare Mindeststandards

Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel (SPD) sagt, dass für das Freigerichtviertel keine unbearbeiteten Mängelanzeigen vorlägen. Zur Hafenstraße sagt Weiss-Thiel, eine Belegung mit zehn Personen sei bei einer Wohnungsgröße von 100 Quadratmetern „durchaus machbar“ und auch vorgesehen gewesen. Die Stadt habe die Bewohnerzahl jedoch auf acht, maximal neun begrenzt. Die Situation werde nochmal geprüft. Zur Unterkunft in Auheim meint der Sozialdezernent, die Belegung entspreche den Vorschriften. Die Stadt werde dem Besitzer die Beschwerden aber schildern.
Hotels seien „keine erstrebenswerte Unterbringungsform“ für Flüchtlinge, so Weiss-Thiel.

Wegen sehr hoher Zuweisungsquoten sei es aber „unumgänglich“. Was die Dauer des Hotelaufenthalts angeht, „werden und wurden keine Versprechungen gemacht“. Die Betreiberin „regelt selbstverständlich den Betrieb ihres Hotels und ist falls notwendig zu Verlegungen berechtigt“, sagt Weiss-Thiel. Auch könne von ihr, zum Beispiel bei Verstößen gegen die Hausordnung, Hausverbot erteilt werden. Bevor dies geschieht, werde jedoch mehrmals abgemahnt. Die Anzahl der Elektrogeräte lasse sich aus Platzgründen nicht erhöhen. Ergänzend teilt die Hotelbetreiberin mit, dass in jedem Zimmer eine Mikrowelle und ein Kühlschrank stünden. Weil es sich um ein Hotel handelt, gebe es keine eigenen Waschmaschinen für die Gäste. Besuche seien erlaubt, nur nicht über Nacht.

Die Flüchtlinge bleiben bei ihren Aussagen. Von den Schwierigkeiten haben sie der Stadt bereits in einem Schreiben vom 10. Dezember 2014 berichtet. Sie kritisieren, dass sich seitdem kaum etwas verbessert habe. In der Unterkunft im Freigericht zum Beispiel sei viele Wochen später ein Handwerker gewesen, auch wegen der Feuchtigkeit in der Decke. Doch diese war danach noch beschädigt (Foto links unten). In seiner Antwort hatte das Amt geschrieben, dass Mängel grundsätzlich „binnen weniger Tage“ beseitigt würden.

Der Kreis hat ein Merkblatt mit Mindeststandards für Unterkünfte erstellt. Es spricht eine klare Sprache: In Mehrbettzimmern müssen pro Person mindestens sechs Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung stehen. Zur Pflichtausstattung gehören unter anderem „eine Nasszelle für höchstens acht Personen“, eine Kochplatte pro Person, je eine Waschmaschine für höchstens zehn Personen und ein „Raum zur Freizeitgestaltung“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum