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Hanau Die hellsichtige Kämpferin

Die vor 125 Jahren geborene Elisabeth Schmitz leistete Widerstand gegen das Naziregime.

Gerhard Lüdecke und Frau Gabriele Lüdecke Eisenberg
Gabriele Lüdecke-Eisenberg und Gerhard Lüdecke mit dem vergrößerten Entwurf der Denkschrift. Foto: Monika Müller

Fingerdick war die Staubschicht auf der unauffälligen Aktentasche, die der frühere Richter und passionierte Historiker Gerhard Lüdecke 2004 in einem Keller der Marienkirchengemeinde fand. Auf der Tasche lag ein einfacher Zettel. Doch was darauf stand, deutete an, dass der Zufalls- ein Sensationsfund war: „Nachlaß Dr. Elisabeth Schmitz“. Darin zahlreiche Unterlagen, Urkunden – und ein handgeschriebener Entwurf von Schmitz’ prophetisch-warnender Denkschrift „Zur Lage der Nichtarier“.

Am heutigen Donnerstag jährt sich der Geburtstag der gebürtigen Hanauerin – einer der beeindruckendsten Widerstandskämpferinnen gegen das Naziregime – zum 125. Mal. Im Jahr 2011 erhielt Schmitz von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem den Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“. Es ist die höchste Auszeichnung, die Israel an Nicht-Juden vergibt.

In ihrer Denkschrift sah Schmitz, die Geschichte, Germanistik und Theologie studiert hatte und in Hanau als Lehrerin arbeitete, bereits 1935 voraus, dass die Nationalsozialisten die Juden vernichten wollten. Sie berichtete von Verfolgung und warnte vor dem „Versuch der Ausrottung des Judentums“. „Sie hatte die Fähigkeit, die Zeichen richtig zu deuten und in historischen Kategorien zu denken“, sagt Lüdecke. Die Protestantin, die der Bekennenden Kirche angehörte, kritisierte die Kirche für deren Tatenlosigkeit und Antisemitismus scharf, „forderte sie auf, ja flehte sie geradezu an, praktische Konsequenzen aus ihrer Denkschrift zu ziehen“.

Von der anonym verfassten Schrift stellte Schmitz etwa 200 Exemplare her und schickte sie Mitgliedern der Bekennenden Kirche wie Dietrich Bonhoeffer.

Neben ihrer „seherischen“ Fähigkeit und dem Mut, damals zu mahnen, dazu noch als Frau, ist bemerkenswert, wie eindringlich sie schreibt. Schon in der Einleitung heißt es: „Vor nunmehr zweieinhalb Jahren ist eine schwere Verfolgung hereingebrochen über einen Teil unseres Volkes um seiner Abstammung willen…“. An anderer Stelle schildert sie, wie ein Mädchen nicht wagt, an einem Pferd vorbeizugehen, woraufhin die Schwester beruhigend sagt: „Geh doch, das Pferd weiß ja nicht, daß wir jüdisch sind.“

Schmitz beließ es nicht bei Worten, sie handelte, „tat konsequent das, wovon sie überzeugt war, richtete sich nicht nach dem ,Mainstream‘“, sagt Lüdeckes Ehefrau Gabriele Lüdecke-Eisenberg. Auch sie hat eine besondere Beziehung zu Schmitz, weil ihr Vater, Anwalt Oswalt Eisenberg, Schmitz nach dem Krieg in einem Wiedergutmachungsverfahren vertrat. Und weil Elisabeth Schmitz später an der Karl-Rehbein-Schule ihre Lehrerin war.

Schmitz half Verfolgten ganz konkret. Sie nahm zum Beispiel eine Ärztin jüdischer Herkunft bis zu deren Emigration bei sich auf. Auch als sie in Berlin lebte, gewährte Schmitz Juden in ihrem Haus in Wandlitz Zuflucht – und bewahrte sie vor der Deportation. 

1939 hatte sich Schmitz vorübergehend in den Ruhestand versetzen lassen. Im Antrag führte sie nicht nur gesundheitliche  Gründe an, sondern mutigerweise auch einen Gewissenskonflikt: Die Lehrerin wollte nicht so Unterricht geben wie von den Nazis erwartet. Weil Vorgesetzte sie deckten, erhielt die Hanauerin die ihr zustehende Pension.

Lüdecke-Eisenberg hat ihre Lehrerin als Persönlichkeit in Erinnerung. „Sie war bescheiden, aber selbstbewusst. Etwas distanziert, aber sehr gerecht.“ Mittlerweile ist eine Förderschule nach Schmitz, die 1977 in Offenbach starb, benannt, genauso wie die Bibliothek der Karl-Rehbein-Schule. Auf dem Hauptfriedhof wurde ein Ehrengrab errichtet. 

Über das, was Schmitz heute schreiben würde, lässt sich natürlich nur mutmaßen. Aber die ehemalige Lehrerin Gabriele Lüdecke-Eisenberg und Gerhard Lüdecke, die die Erinnerung an die Widerstandskämpferin wachhalten, sind überzeugt, dass sie den Finger in die Wunden legen würde. Sie würde Missstände klar benennen, etwa dass „jeden Tag Menschen im Mittelmeer ertrinken“, so Lüdecke-Eisenberg. Ebenso entschieden würde sie den Rechtsextremismus bekämpfen: „Sie hätte längst ,Wehret den Anfängen‘ gesagt, die Entwicklung scharf analysiert – und wäre ihr energisch entgegengetreten.“

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