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Hanau Der Putz bröckelt

Mehrere Eigentümerwechsel hat die Wohnsiedlung zwischen Kinzigheimer Weg und Annastraße schon hinter sich, keiner sanierte die Gebäude wie geplant. Der jetzige Investor Dolphin Trust hat gegenüber der Stadtverwaltung zugesagt, 2017 mit den Arbeiten zu beginnen.

Die Häuser am Kinzigheimer Weg stehen teilweise schon jahrelang her, sind heruntergekommen und verdreckt. Foto: Rolf Oeser

Einige Scheiben sind kaputt, Pflanzen wuchern an den Eingängen; stellenweise bröckelt die schmutzige Fassade, liegt Müll herum, sind die Wände beschmiert. Die allermeisten Wohnungen sind leer, die Namen wurden von den Klingelschildern entfernt.

Die Siedlung schräg gegenüber vom Schwab Versand, am Kinzigheimer Weg und an der Annastraße gelegen, bietet ein tristes und verwahrlostes Bild. Die denkmalgeschützten Mehrfamilienhäuser mit insgesamt etwa 164 Wohnungen wurden um 1930 erbaut und seitdem gab es keine umfassende Modernisierung. Im Jahr 2009 verkaufte die städtische Baugesellschaft das Areal – in der Folge wechselten die Besitzer mehrfach. Einer davon ging pleite und wurde später wegen Betrugs mit anderen Immobilien verurteilt, bis zum Sommer 2013 wurde die Hanauer Liegenschaft von einem Anwalt zwangsverwaltet.

Mitte 2014 kündigte die Stadt Hanau in einer Pressemitteilung „Schöner Wohnen im Hafengebiet“ an und stellte den Hanauer Immobilienkaufmann Steffen Grunwald mit dessen Firma Süd-Ost Invest als Investor vor. Das Unternehmen hatte die Siedlung demnach Ende 2013 gekauft. Süd-Ost Invest wollte zusätzlich zum Kaufpreis acht Millionen Euro ausgeben, um die Gebäude „komplett zu sanieren und modernen Wohnstandards anzupassen“. „Es ist wichtig, dass wir in Hanau bezahlbare Wohnraumangebote in Innenstadtnähe schaffen“, sagte Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) damals.

Die Stadtverordnetenversammlung erklärte die Liegenschaft Ende 2014 zum Sanierungsgebiet, um dem Investor steuerliche Vorteile zu verschaffen und die Modernisierung zu erleichtern. Dies war die Voraussetzung für das Engagement von Grunwald.

Jetzt teilt der Investor auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mit: „Wir haben die Liegenschaften bereits im letzten Jahr veräußert.“ Und zwar nach Abschluss des Verfahrens zum Sanierungsgebiet. Grunwald, der mit der nocuta real estate GmbH die „Villen am Kurpark“ in Wilhelmsbad entwickelt, gibt wirtschaftliche Gründe für die Veräußerung an. Kritik am Weiterverkauf oder daran, dass bei den Immobilien gegenüber von Schwab länger nichts unternommen worden sei, weist Grunwald entschieden zurück. Er und seine Mitarbeiter hätten die ersten Schritte auf dem Weg zur Sanierung eingeleitet und zum Abschluss gebracht und somit einen Teil der Aufgaben erledigt – nachdem die Voreigentümer dort viele Jahre lang kaum investiert hätten.

Neuer Besitzer der Immobilien ist nunmehr die Hannoveraner Dolphin Trust GmbH, die auch in den Lehrhöfer Park in Hanau-Wolfgang investiert. Ulrike Wiedemann, bei Dolphin Trust zuständig für PR und Marketing, sagt zum aktuellen Stand am Hafen: „Für die bereits entkernten Häuser ist der Bauantrag bereits eingereicht. Wegen der Großbaustelle im Lehrhöfer Park sind aber aktuell alle Mitarbeiter des Generalunternehmers dort eingesetzt.“ Wenn das Projekt in Wolfgang fertig ist, werde mit dem zweiten begonnen. Zum Kaufpreis für die Siedlung am Kinzigheimer Weg könne sie keine Auskunft geben, so Wiedemann. Geplant sei, „die Häuser nach Denkmalschutzvorgaben zu sanieren und dort neue, zeitgemäße Wohnungen zu schaffen“.

Vertraglich habe Dolphin Trust „eine Sozialverträglichkeitsklausel vereinbart, die vorhandene Mieter berücksichtigt“. Das bedeutet: Es werde mit den leerstehenden Häusern begonnen, damit vorhandene Mieter in die zuerst fertig gestellten Wohnungen ziehen könnten. Der Prozess brauche eine längere Vorbereitungszeit, entgegnet Wiedemann auf Kritik an der Dauer des Projekts. Neben dem Personaleinsatz im Lehrhöfer Park komme die Tatsache hinzu, „dass die Sanierung von Denkmalschutzgebäuden immer größere Herausforderungen mit sich bringt, die eine längere Planungs- und Bauzeit nach sich ziehen“.

Eine Aussage zu Mietpreisen nach der Sanierung lasse sich zurzeit nicht treffen, da diese abhängig von den Baukosten seien. Die sogenannte Sozialverträglichkeitsklausel enthalte keine Angaben zu Mietpreisen. Die Frage nach den bestehenden Mietern, die sich eventuell höhere Preise nicht leisten könnten, lasse sich zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten.

Die Geschichte der Wohnanlage Kinzigheimer Weg/Annastraße hat in Hanau teils scharfe Kritik ausgelöst. Die Aktivisten des Runden Tisches für bezahlbares und menschenwürdiges Wohnen sehen einen immer größer werdenden Mangel an bezahlbaren Wohnungen in Hanau und halten die Entwicklung beziehungsweise den Stillstand in der Siedlung für exemplarisch. Auf einem im Frühling verteilten Flugblatt kritisierten sie, dass in Hafennähe und anderswo öffentlicher Wohnraum an private Immobilienunternehmen verkauft worden sei. Ziel der Firmen sei es, „ihre Gewinne auf Kosten der Mieter immer weiter zu erhöhen“. Und die Stadt habe ihnen sofort den Wunsch erfüllt, die Liegenschaft als steuersparendes Sanierungsgebiet auszuweisen.

Stadtplaner Martin Bieberle sagt, dass die jetzige Situation auch für die Stadt alles andere als befriedigend sei. „Wir nehmen den Investor Dolphin Trust jedoch beim Wort, dass der Termin des angekündigten Baubeginns 2017 eingehalten wird und das Projekt in spätestens acht Jahren abgeschlossen ist“, so Bieberle auf Anfrage der FR. Diese Zeitspanne ist durch die Sanierungssatzung festgelegt, die 2014 erklärt wurde und für zehn Jahre gilt. Man sei mit dem Investor in Kontakt und werde intensiv nachfragen, sagt der Stadtplaner. „Bei der derzeitigen Situation auf dem Wohnungsmarkt kann es nicht in unserem Interesse sein, dass die Wohnungen dort verkommen.“ Wie viele Menschen dort momentan leben, ist Bieberle nicht bekannt, im November 2015 seien 28 der 164 Wohneinheiten belegt gewesen. mit elm

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