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Hanau Der ernsthafte Satire-Politiker

OB-Kandidat Benedikt Polzer (Die PARTEI) setzt auf Witz und soziales Gewissen. Polzer ist überzeugt, Nicht-Wähler auf seine Seite ziehen zu können.

Polzer vor dem Lokal „Bei Merten“ in der Fahrstraße – „einem der wenigen Orte, wo der Kaffee noch 1,60 Euro kostet“. Foto: Renate Hoyer

Currywurst, Gyros, Erbseneintopf, Spaghetti, Leberkäs, Asiatisch – essen kann man hier fast alles. An den Wänden hängen hellbraune Kacheln, das Mobiliar ist dunkelbraun, die Speisen werden auf einer schlichten, schwarz-weißen Leuchttafel aufgelistet. In einem abgetrennten Raum sind mehrere Spielautomaten und werden gefüttert. Keine Spur von Möchtegern-Hipness in dieser Gaststätte, viele Hanauer schätzen das und kommen oft.

„Bei Merten“ ist der Treffpunkt, den sich OB-Kandidat Benedikt Polzer ausgesucht hat. „Das ist einer der wenigen Orte in Hanau, wo der Kaffee noch 1,60 Euro kostet“, begründet Polzer, der als Heilerziehungspfleger für das Behindertenwerk arbeitet, die Wahl des Lokals. Der gebürtige Alzenauer ist zuversichtlich: „Es wird eine Sache zwischen Kaminsky und mir. Ich bin überzeugt, dass ich die 70 Prozent Nicht-Wähler auf meine Seite ziehen kann. Wir sind seriös und kein Teil des Klüngels.“ Eigentlich wollte Polzer die ehemalige Oberbürgermeisterin Margret Härtel (CDU) ins Wahlkampfteam holen, doch sie sagte mit den Worten „Ich weiß, was ihr macht!“ ab.

Hier ein Auszug aus Polzers Programm: Der frühere Kreuzburg-Schüler fordert kostenlose Anwohnerparkausweise, mehr Einkaufszentren, weniger Grünflächen sowie eine Schwebebahn, die Shopping-Gäste von Frankfurt nach Hanau bringt. Der „Joint am City-Center“ – womit das Kunstwerk Kazuo Katases am Blaum-Platz gemeint ist – soll jeden Tag gefüllt und abgebrannt werden. Zudem will Polzer statt der White Wings ein Profi-Minigolf-Team mit städtischen Mitteln sponsern. Grundsätzlich gelte: „Je absurder die Wahlversprechen, desto sicherer der Sieg“, sagt der Kreisvorsitzende der PARTEI. Das Abbrennen des Joints werde den Geruch der Dunlop reduzieren, so dass in Sportsfield Housing doch noch die notwendigen günstigen Wohnungen entstehen. Zum Wahlkampfauftakt hatte Polzer zum Minigolfen an der kürzlich abgebrannten Kleinen Parkwirtschaft geladen. Es könne nicht sein, dass die Unternehmen der Stadt eine „Randsportart für Männer über 1,80 Meter“ mit viel Geld förderten und eine familienfreundliche Breitensportart wie Minigolf vernachlässigten, findet Polzer. Und dass die Baugesellschaft als Gönner sage, mit Hilfe des Sponsorings komme sie an Mieter, sei absurd.

Die Hanauer Politik sei immer speziell gewesen. Polzer erinnert an die als Sonnenkönigin bezeichnete Härtel, Kaminskys Kehrtwende beim vierten Stadtrat und einen OB-Kandidaten, der mit einem Terminator-Double auftrat. „Da passen wir gut rein.“ Auf die Idee, in Hanau aktiv zu werden, kam er zusammen mit dem hier lebenden Titanic-Redakteur Thomas Hintner.

Polzer lebt in Hammersbach, „weil die Flugzeuge dort höher und die Mieten niedriger sind“, sagt er und wird ernster. Mehr als fünf Jahre hat er in Hanau gewohnt. „Mein Lebensmittelpunkt war schon länger hier, vor allem wegen meiner Freunde.“ Polzer räumt ein, dass die Kommunen zu wenig Geld hätten, kritisiert aber die Verteilung in Hanau. Die Stadt setze falsche Prioritäten und vernachlässige das Soziale. Nach Ansicht von Polzer sollte zum Beispiel ein Teil des „riesigen Budgets“ für Stadtumbau und Marketing besser in Jugend- und Flüchtlingsarbeit investiert werden. „Viele der Flüchtlinge sind traumatisiert, sie brauchen mehr Hilfe.“ Dass die Sekundarstufe 1 der Tümpelgartenschule auslaufen soll, kann Polzer auch nicht nachvollziehen. Dann lächelt er wieder und sagt: „Aber die Einkaufszentren werden bald so viel Geld in die Kasse spülen, dass wir uns darüber keine Sorgen mehr machen müssen.“

In seinen Beruf fand Polzer während des Zivildienstes. Es mache ihm Freude, Menschen mit Einschränkungen zu assistieren, damit sie besser am Leben teilhaben könnten. Was ihm nicht gefällt, sind die Bedingungen in sozialen Berufen, deshalb hat er gestreikt. „Wir brauchen dringend eine Aufwertung – im Interesse der ganzen Gesellschaft.“

Fokus Gerechtigkeit

Polzer kennt sich weder in der Verwaltung noch in der kommunalen Wirtschafts-, Finanz- oder Steuerpolitik aus. Die PARTEI sei nur eine Spaßtruppe, heißt es. Es sei einfach, andere Kommunalpolitiker lächerlich zu machen, wenn man selbst nicht regieren müsse. Polzer entgegnet darauf: „Die FDP ist eine Spaßpartei, wir sind eine Satire-Partei.“ Und: „Ich habe oft bewiesen, dass ich gut mit Geld umgehen kann: Privat hatte ich nie viel in der Tasche, und unser Wahlkampfbudget beträgt auch nur 500 Euro“, sagt Polzer. Eines sei sicher: „Hanau hat so hohe Schulden – schlimmer kann es mit uns auch nicht werden.“ Er sei immer ein politischer Mensch gewesen, mit dem Fokus Gerechtigkeit, sagt Polzer. Eine Jugendsünde habe er begangen: ein Engagement bei den Jusos. Das sei aber lange her und die SPD sei inzwischen so wenig sozialdemokratisch, dass sie mit der CDU fusionieren könnte.

PARTEI-Mitglied Gregor Wilkenloh, Kulturschaffender und Musiker, kennt Polzer aus dem Autonomen Kulturzentrum Metzgerstraße. Auf die Frage, weshalb der Hammersbacher ein guter OB wäre, sagt Wilkenloh: „Er hat ein sehr gutes Urteilsvermögen und organisiert bei uns so gut wie alles.“ Polzer habe es geschafft, junge Leute für Kommunalpolitik zu interessieren. Gerade dort sei es wichtig, sich zu beteiligen und die Politik nicht nur ein paar Entscheidern zu überlassen, so Wilkenloh. „Bei uns kann jeder sofort mitmachen – wenn er unseren Humor versteht.“ Doch bei aller Satire: „Eigentlich ist Polz ein sehr ernsthafter Mensch. Auch den Wahlkampf nimmt er sehr ernst und ist mit vollem Einsatz bei der Sache.“ Als OB oder im Hanauer Stadtparlament, sagt Wilkenloh, würde sich Polzer natürlich genauso einsetzen.

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