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Hanau Das älteste Karussell der Welt

80 Jahre lang hat sich das historische Karussell im Kurpark Wilhelmsbad nicht mehr regelmäßig gedreht. Jetzt wurde es aufwändig restauriert. Hanau feiert die Instandsetzung ein ganzes Wochenende lang

Es strahlt – und dreht sich wieder. Foto: Renate Hoyer

Ein Traum wird wahr.“ Am Tag vor der Wiedergeburt des wohl ältesten Karussells der Welt ist dieser Satz oft zu hören, genauso wie das Wort „Wunder“. Da ist viel Wahres dran, findet Architektin Christiane Colhoun vom Darmstädter Studio Baukultur. Sie hat sich schon vor gut 25 Jahren, damals noch als Studentin, mit dem historischen Karussell im Kurpark Wilhelmsbad beschäftigt. Und am Anfang habe das Ziel nur lauten können, das Karussell „einigermaßen wiederherzustellen“ – so schlimm war sein Zustand.

Doch die Experten um Colhoun, unterstützt und ermutigt vom Förderverein, gaben nicht auf, arbeiteten unermüdlich an der Restaurierung des Karussells – und schafften es schließlich doch, dass es sich wieder bewegt. Wie viele Hanauer ist auch die Architektin dem Projekt emotional verbunden: „Das Karussell war schwach und brauchte Menschen, die sich dafür einsetzten. Jetzt ist es stark genug, um in die Hände der Bürger gegeben zu werden“, sagt Colhoun.

Heute wird das Karussell in Betrieb genommen – nachdem es sich etwa 80 Jahre nicht mehr regelmäßig gedreht hat. Über das gesamte Wochenende feiert Hanau die Wiedereröffnung mit einem Fest in Wilhelmsbad; während des Festaktes am heutigen Freitagabend wird Daniela Schadt sprechen. Die Hanauerin und Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck hat auch schon als Kind davon geträumt, dass sich das Karussell wieder dreht.

Boris Rhein, Hessens Minister für Wissenschaft und Kunst, wird ebenfalls bei den Feierlichkeiten dabei sein. „Die Atmosphäre ist der Hammer“ und „einmalig“, sagt er bei der Besichtigung des Karussells. Rhein lobt das große Engagement des Fördervereins. Er räumt ein, dass der Verein mit seiner Hartnäckigkeit „der Motor“ bei der Restaurierung gewesen sei und diese erst ermöglicht habe. Etwa 4,2 Millionen Euro haben die Arbeiten gekostet, der Verein hat gut 1,2 Millionen Euro gesammelt, davon kamen ungefähr 400 000 Euro von der Stadt Hanau. Das Land beteiligt sich mit drei Millionen Euro.

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) spricht von „einer der schönsten Bürgerinitiativen weit und breit“. Er freue sich auf ein Ereignis, das viele Menschen aus Hanau und Umgebung bewegen werde. Stefan Bahn, der Vorsitzende des Fördervereins, betont, dass ganz viele Bürger zum Gelingen beigetragen hätten: „Die Bevölkerung hat uns getragen“, sagt er. Der große Zuspruch habe enorm geholfen, die Politik von dem Vorhaben zu überzeugen.

Die lange Geschichte des Karussells ist einzigartig und dramatisch: Mit dem (späteren) Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen-Kassel (1743 – 1821) und seinem wunderbar geplanten Park Wilhelmsbad kam auch das in seiner Konstruktion einmalige Karussell nach Hanau. Wilhelm I. gab es 1779 beim Architekt Franz Ludwig von Cancrin für seinen Schlosspark Wilhelmsbad in Auftrag.

Der Architekt soll zu seiner Zeit eine der schillerndsten Figuren Hanaus gewesen sein, sein Karussell wurde bald schon wegen seiner besonderen Antriebstechnik bekannt. Es besteht aus zwei Teilen: einem unterirdischen im künstlich aufgeschütteten Hügel, der die Technik verbirgt, und dem oberirdischen offenen Karusselltempel. Der zweistufige Sockel ist einem griechischen Rundtempel mit doppelter Säulenstellung nachempfunden.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Bauwerk zerstört. In mehreren Kriegen wurde es massiv beschädigt, musste Schüsse und Bombentreffer hinnehmen, wurde verformt und sank in den Boden. Es wurde von Pilzen und Schädlingen befallen. Dass es bald wieder mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1,5 Metern pro Sekunde fahren wird, ist auch einer Stahlkonstruktion zu verdanken, die in das Karussell eingebaut wurde. Das Stahlskelett soll das Wilhelmsbader Karussell stabilisieren und die Originalsubstanz entlasten.

Stefan Bahn und seine Mitstreiter wollen, dass das Karussell noch lange am Leben bleibt. Sie wollen es nicht überfordern und deshalb lediglich an fünf bis sieben ausgewählten Sonntagen im Jahr fahren lassen. Der Betrieb sei in guten Händen, in jenen der Hanauer Schaustellerfamilie Hollenbach, sagt Bahn. Für das Festwochenende wünscht er sich gutes Wetter – und für die Zukunft des Karussells „allzeit gute Fahrt“.

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