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Hanau Cannabis auf Rezept abgelehnt

Ein ADHS-Patient scheitert vor dem Widerspruchsausschuss, der keine Grundlage für eine Kostenübernahme sieht. Der Betroffene will juristisch weiterkämpfen.

Der Hanauer Bernd Weber (Name geändert), der an einer schweren Form von ADHS leidet, kann nach wie vor nicht mit einer Kostenübernahme für ein Cannabis-Medikament rechnen. Der Widerspruchsausschuss der AOK Hessen hat die Sicht der Kasse sowie des medizinischen Dienstes bestätigt, die den Antrag des Erwerbslosen schon abgelehnt hatten. Weber, der sich die Medizin auf Privatrezept nicht leisten kann, will klagen.

Die FR hatte den Fall im April öffentlich gemacht: Dem Mitvierziger macht ADHS offenbar schon seit seiner Kindheit zu schaffen. Symptome wie Konzentrationsprobleme und Impulsivität haben laut Weber zu vielen Stürzen und Verletzungen geführt, zu Schlaflosigkeit und einer Art Dauererregung. Ein Gutachten der Arbeitsagentur kommt zu dem Ergebnis, dass er wegen der Erkrankung nicht mehr als Kraftfahrer arbeiten darf. Gängige Medikamente gegen ADHS soll Weber nicht nehmen, weil bei ihm 2013 ein Aneurysma gefunden wurde und die Mittel den Blutdruck stark erhöhten. Deshalb ordneten seine Ärzte ein Cannabis-Extrakt an. Weber hatte in Selbstmedikation festgestellt, dass ihm Cannabis gut hilft. In Schreiben, die der FR vorliegen, begründen die Mediziner ihre Verordnung ausführlich.

Die AOK erklärt die aktuelle Ablehnung damit, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Übernahme der Kosten nicht erfüllt und die anderen zur Verfügung stehenden Leistungen nicht ausgeschöpft seien. Weshalb eine Standard-Behandlung keine Option sein sollte, sei nicht nachvollziehbar. Hinzu komme, dass Weber und seine Ärzte nicht auf mögliche Nebenwirkungen einer Therapie auf Cannabis-Basis eingegangen seien. Zudem sei die Wirksamkeit von Cannabinoiden bei an ADHS erkrankten Erwachsenen nicht belegt. Dass in einem Einzelfall ein Erfolg geschildert werde, reiche nicht aus, um die Risiken abzuwägen.

Schwitzen als einzige Nebenwirkung

Versicherte haben seit März 2017 Anspruch auf eine Versorgung mit Cannabis, wenn es sich um eine schwerwiegende Erkrankung handelt, die Cannabis-Einnahme erfolgversprechend ist und die gängige Behandlung erfolglos war. Kassen dürfen eine Cannabis-Therapie nur in begründeten Ausnahmefällen verweigern. Die AOK Hessen beziffert ihre Genehmigungsquote auf 41 Prozent, die TK bundesweit auf 64 Prozent, die DAK auf 60 Prozent. Die Kassen teilen mit, jeder Einzelfall werde genau und ergebnisoffen geprüft, Vorwürfe weisen sie zurück. Kritiker bezeichnen die Ablehnungsquoten als viel zu hoch, berichten von pauschalen und haltlosen Begründungen.

Weber sagt, er habe sich vom Widerspruchsausschuss wenig versprochen, weil dieser Ablehnungen oft nur bestätige. Jetzt will er juristisch weiterkämpfen. Die Argumentation der AOK sei falsch, nicht nachvollziehbar. Offenbar vertrete die Kasse weiter die Ansicht, er sei nicht schwerwiegend erkrankt – obwohl ihm dies drei Ärzte bestätigten und er für arbeitsunfähig erklärt wurde.

Die einzige Nebenwirkung bei der Cannabis-Einnahme sei Schwitzen gewesen, ansonsten habe er endlich Linderung verspürt. Dass eine Behandlung mit Standardmitteln gefährlich sei, habe er detailliert dargestellt. Man müsse nicht austherapiert sein, um Cannabis verschrieben zu bekommen: „Die Ärzte haben die Therapiehoheit und entscheiden.“ Deutsche Studien, welche die Wirksamkeit belegen, gebe es nicht, aber ausländische. „Es kann nicht sein, dass ich und viele andere Betroffene so leiden müssen.“

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