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Gewalt gegen Frauen Wenn die Hilfe in Frauenhäusern an Grenzen stößt

Zahlreiche Frauen werden auch in Hessen Opfer häuslicher Gewalt. Doch rechtliche Probleme erschweren die Arbeit von Frauenhäusern. Hier ein Beispiel aus Hanau.

Frau mit blauem Auge
Zahlreiche Frauen werden Opfer häuslicher Gewalt. Doch Frauenhäuser kämpfen häufig mit rechtlichen Problemen. Foto: Getty Images

Jahrelang hofft Anna, dass ihr Ehemann mit den aus der Luft gegriffenen Vorwürfen aufhört, sie nicht mehr erniedrigt und schlägt. Dass die Kinder all das nicht mehr miterleben müssen. Als es immer gefährlicher wird, flieht sie mit ihnen ins Frauenhaus. Hier fühlen sie sich sicher, werden ihre Gedanken nicht länger von Angst bestimmt.

Dann erreicht Anna ein Brief: Ihr Mann, der sich kaum für die Kinder interessierte, hat sie wegen „Entführung“ angezeigt. Mit der juristischen Drohgebärde beginnt eine neue Leidenszeit. Gemäß dem Beschleunigungsgebot wird in nur vier Wochen über das Umgangsrecht entschieden. Nach kurzer Zeit trifft Anna wieder auf ihren Peiniger, vor Gericht. Der Umgang wird schließlich erlaubt, und die Bedrohung ist zurück.

Fälle wie dieser haben das Frauenhaus Hanau in den vergangenen Jahren zunehmend beschäftigt. Anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen am Sonntag macht die Einrichtung auf rechtliche Probleme aufmerksam, durch die der Schutz an Grenzen stößt. Die Mitarbeiterinnen Ursula Wyrzykowska und Swantje Ganecki kritisieren, dass der Umgang nach gewalttätigen Übergriffen häufig und nur wenige Wochen später gewährt wird – mit teils fatalen Folgen: „Im Rahmen der Treffen kommt es immer wieder zu Gewalt, gegen Kinder und Frauen“, sagt Pädagogin Ganecki.

In dem Haus in Hanau haben 2017 53 Frauen und 46 Kinder Zuflucht gefunden. Weitere Hilfesuchende konnten nicht aufgenommen werden, weil die Plätze, wie andernorts, nicht reichen. In Hessen gibt es gut 300 Zimmer in Frauenhäusern, Expertinnen fordern, die Zahl zu verdoppeln, auch in Hanau. Die Knappheit resultiert aus einem weiteren gesetzlichen Missstand: Die Finanzierung ist eine freiwillige Leistung von Land und Kommunen. 

In den Monaten nach der Trennung sind Frauen besonders gefährdet, „Wenn ein gewalttätiger Mann realisiert, dass die Frau es ernst meint und sein ,Lebensplan‘ zusammenbricht, besteht das höchste Risiko, verletzt oder sogar getötet zu werden“, warnt Sozialarbeiterin Wyrzykowska. Ein Prozess um Umgang und Sorgerecht verschärfe die Situation.

Wyrzykowska und Ganecki fordern bei Fällen von häuslicher Gewalt, das Umgangsrecht zunächst auszusetzen, die Sicherheit der Frauen und Kinder zu gewährleisten und den Täter stärker in die Pflicht zu nehmen. Erst nach einer angemessenen Zeit solle Umgang erlaubt werden – wenn der Mann zu Veränderungen bereit sei. „Das Sorge- und Umgangsrecht darf nicht über dem Gewaltschutz stehen.“ Durch das Beschleunigungsgebot hätten Mütter und Kinder viel zu wenig Zeit, sich zu erholen und über das Geschehene zu sprechen.

Erschwerend komme hinzu, dass vor Gericht in erster Linie die Erziehungsfähigkeit des Vaters betrachtet werde, seine Gewaltbereitschaft gegenüber der Mutter kaum. Dabei gehe damit eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einher, auch den Kindern etwas anzutun. Ganecki spricht sich für eine Fortbildungspflicht der Justiz zu häuslicher Gewalt aus. Sie und ihre Kollegin betonen aber, dass es dankenswerterweise auch sehr engagierte Richter, Anwälte und Mitarbeiter in der Jugendhilfe gebe, die sich intensiv mit den Themen auseinandersetzten.

Darüber hinaus habe das Gewaltschutzgesetz „Fortschritte wie das Kontakt- und Näherungsverbot gebracht“, so Wyrzykowska. Das Gesetz dürfe aber nicht aufgeweicht werden.

Probleme auch bei Geflüchteten 

Gleichzeitig sind andere Lücken zu schließen: So haben Geflüchtete nicht automatisch Anspruch darauf, dass die Kosten des Aufenthalts im Frauenhaus übernommen werden. Zudem müssen sie Wohnsitzauflagen erfüllen, können nicht ohne Weiteres an einen sicheren, weiter entfernten Ort. Das erschwert die Arbeit des Frauenhauses ebenfalls.

Die Mitarbeiterinnen trotzen den teils schwierigen Rahmenbedingungen und konzentrieren sich auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen: „Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe“, erklärt Ganecki. Manche wollen sofort über das Geschehene sprechen, andere zunächst gar nicht, sondern möglichst bald Arbeit und eine Wohnung finden. „Am Anfang ist es besonders wichtig, dafür zu sorgen, dass sie zur Ruhe kommen können, sich geschützt fühlen, Halt finden.“ Oft gelingen ihnen und den Kindern dank der Unterstützung im Frauenhaus die ersten Schritte in ein gewaltfreies, selbstbestimmtes Leben. Manche sehen die Mitarbeiterinnen später wieder und freuen sich über die Entwicklung, auch bei den Kindern. So wie bei Nico: Als Fünfjähriger kam er mit seiner Mutter ins Frauenhaus, verängstigt, unsicher. Hier konnte er einfach Kind sein, ohne Angst. Heute lebt er mit seiner Mutter in einer neuen Wohnung, macht Sport im Verein und freut sich auf die Schule.

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