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Flüchtlinge in Hessen Trauer um jungen Flüchtling in Maintal

Einem Flüchtling in Maintal (Main-Kinzig-Kreis) drohte die Abschiebung nach Afghanistan. Der 23-Jährige soll sich möglicherweise deshalb vor einen Zug geworfen haben. Die Polizei ermittelt.

Flüchtlinge in Hessen
Menschen protestieren gegen die Abschiebung von Flüchtlingen nach Afghanistan. Foto: dpa

Trauer und Fassungslosigkeit herrschen im Arbeitskreis Asyl nach dem Tod eines jungen Geflüchteten in Maintal: „Wir sind sehr traurig, dass H. keinen anderen Weg mehr gesehen hat. Möge er bei Gott einen besseren und friedlichen Platz finden. In Afghanistan hatte er ihn nicht, und hier bei uns in Deutschland hatte er scheinbar keine Hoffnung mehr.“ Mit diesen Worten gedenken die Ehrenamtlichen des 23-Jährigen. Jetzt möchten sie helfen, ihn zurück nach Afghanistan zu bringen, wo ein Teil seiner Familie lebt, und sammeln Spenden für die Überführung.

Der offenbar alleinstehende Afghane, der in einer städtischen Sammelunterkunft lebte, starb am Freitag. Er soll sich im Maintaler Stadtteil Dörnigheim vor einen Zug geworfen haben, so der Verdacht. Oberstaatsanwalt Dominik Mies bestätigt auf FR-Anfrage, dass ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet worden ist. Einiges deute auf einen Suizid hin, die Ermittlungen seien allerdings noch nicht abgeschlossen, sagte Mies am Mittwoch.

Der Tod ist für viele Freunde und Bekannte H.s ein Schock. Warum? Und warum gerade jetzt? Diese Fragen gehen ihnen nicht aus dem Kopf. Was die ausschlaggebenden Gründe waren, kann niemand sagen. Eine Reihe von Faktoren dürfte eine Rolle gespielt haben – darunter die drohende Abschiebung. Nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war, hatte H. Angst. Der nächste Termin vor dem Verwaltungsgericht stand bevor. An einen guten Ausgang glaubte der Schutzsuchende womöglich nicht mehr.

Still, nachdenklich, sympathisch sei H. gewesen, erinnert sich Christine Mayer-Simon vom Arbeitskreis Asyl. Er habe die wenigen Integrationsangebote, die Afghanen offenstünden, intensiv genutzt. Habe versucht, so gut Deutsch zu lernen wie möglich, und einen Job gefunden. Dort soll es zuletzt Probleme gegeben haben.

In der Sammelunterkunft hat H. – ein sportlicher junger Mann, der den FC Barcelona und die afghanische Sängerin Mozhdah Jamalzadah mochte – sich mit Freunden ein Zimmer geteilt. Sie seien dort gut miteinander zurechtgekommen, heißt es. Den Mitbewohnern war aufgefallen, dass der 23-Jährige in der Woche vor seinem Tod ruhiger und trauriger war. Sie hätten ihn wiederholt darauf angesprochen und probiert, an ihn heranzukommen.

Von eindeutigen Warnhinweisen ist jedoch nicht die Rede. Er habe angekündigt, demnächst wieder an der Beratung für Geflüchtete teilzunehmen. Und unmittelbar vor seinem Tod war H. bei einem Discounter einkaufen. Nachdem er zurückgekehrt war, sagte H., er müsse noch mal weg, und kam nicht wieder.

„Wir sind alle erschüttert über den Tod dieses jungen Menschen, der sich sehr um seine Integration bemüht hat“, sagt Maintals Erster Stadtrat und Sozialdezernent Ralf Sachtleber (parteilos). Das Verhältnis zwischen ihm und den städtischen Mitarbeitern sei gut gewesen. Diese kümmerten sich jetzt zusammen mit Geistlichen um die trauernden Freunde und Bekannten. Es sei wichtig, sie aufzufangen.

In den vergangenen Jahren hatten im Main-Kinzig-Kreis schon mehrere Flüchtlinge versucht, sich das Leben zu nehmen, berichten ehrenamtliche Helfer. Aktivisten wie Marion Bayer kritisieren die enorme psychische Belastung, der viele Asylsuchende ausgesetzt seien. Der Druck sei hoch, besonders wegen der Gefahr, abgeschoben zu werden, aber auch wegen der riesigen Hindernisse beim Familiennachzug oder der Missstände in einem Teil der Unterkünfte.

Für die oft traumatisierten Geflüchteten sei es sehr schwer, eine Therapie zu bekommen, bemängelt die Landtagsabgeordnete Gabi Faulhaber (Linke), wegen Hürden beim Zugang und eines Mangels an Therapeuten. Trotz vieler Suizidversuche werde das Problem nach wie vor nicht richtig ernst genommen, so Faulhaber. Und Afghanen litten noch stärker unter Perspektivlosigkeit als andere, vor allem aufgrund der „Drohkulisse, in ein alles andere als sicheres Herkunftsland abgeschoben zu werden“ und des mangelnden Zugangs etwa zu Sprachkursen.

Die Unterstützer des Arbeitskreises Asyl werden H. nicht vergessen: „Ruhe in Frieden. Mit unseren Gedanken sind wir bei Dir.“

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