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Cannabis auf Rezept in Hanau Cannabis-Patient in Hanau gibt nicht auf

Der Hanauer Thomas Müller leidet an einer schweren ADHS-Erkrankung. Cannabisblüten, die ihm helfen, muss er aus eigener Tasche zahlen. Die AOK lehnt eine Kostenübernahme ab. Gegen eine Mitarbeiterin läuft eine Anzeige.

Global Marijuana March in Frankfurt
Aktivisten fordern einen leichteren Zugang zu Medikamenten auf Cannabis-Basis. Foto: Michael Schick

Die Zeit der nicht enden wollenden inneren Unruhe, des blinden Aktionismus, der schnellen Reizbarkeit und schlaflosen Nächte ist zumindest vorerst vorbei. Die Symptome seiner schweren ADHS-Erkrankung machen Thomas Müller endlich nicht mehr permanent zu schaffen, sagt er. Seit vier Monaten holt er sich auf Privatrezept Cannabisblüten in der Apotheke. Pro Tag braucht er etwas weniger als ein Gramm, was bei günstigen Anbietern um die 14 Euro kostet. „Der Therapieerfolg spricht für sich.“ Er ist erleichtert – einerseits.

Andererseits setzt ihm zu, dass sein Antrag auf Erstattung der Kosten bislang erfolglos ist. Müller lebt von Hartz IV; ein Gutachten der Arbeitsagentur kommt zu dem Ergebnis, dass er wegen der ADHS nicht mehr als Berufskraftfahrer arbeiten darf. Die FR hatte im April erstmals über den Fall berichtet. Für das medizinische Cannabis „gehen jetzt die letzten Reserven drauf“, während seine Krankenkasse, die AOK Hessen, seit Jahren „riesige Überschüsse einstreicht“.

Deshalb kämpft Müller weiter um eine Kostenübernahme, trotz Rückschlägen: Einen Eilantrag hat das Sozialgericht Frankfurt abgelehnt. Nach Ansicht des Gerichts waren die vorgelegten Atteste unzureichend und die Diagnose für ADHS nicht sicher. Außerdem sei eine spürbar positive Wirkung des Cannabis nicht dokumentiert, genauso wie eine chronisch schwerwiegende Erkrankung. Diese würde, zum Beispiel, erst bei Pflegestufe zwei vorliegen oder einem Grad der Behinderung von mindestens 60 Prozent. Zuvor hatte die AOK ihr Nein damit begründet, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Übernahme der Kosten nicht erfüllt und andere Möglichkeiten nicht ausgeschöpft seien.

Warum eine Standardbehandlung nicht infrage kommen sollte, sei nicht nachvollziehbar. Die Wirksamkeit von Cannabinoiden bei Erwachsenen, die an ADHS erkrankt sind, sei nicht belegt. Auf mögliche Nebenwirkungen sollen die Mediziner auch nicht eingegangen sein.

Müller sowie seine Rechtsanwälte und Ärzte kritisieren die Ablehnungen: Das Gericht stelle extrem hohe Anforderungen an die ärztliche Verordnung und lege alle Voraussetzungen sehr restriktiv aus. Dass es sich um einen schwerwiegenden Fall handle, belege schon die Berufsunfähigkeit. Die Schmerzen nach zahlreichen Verletzungen durch Unfälle, auch in Folge der Krankheit, seien nicht berücksichtigt worden. Die Mediziner hatten in ausführlichen Schreiben allesamt eine Cannabis-Behandlung dringend empfohlen. Sie verwiesen auch darauf, dass Müller keine gängigen Medikamente wie Ritalin nehmen dürfe, da bei ihm ein Aneurysma entdeckt worden sei und die Mittel den Blutdruck stark erhöhten.

Anzeige gegen Mitarbeiterin von AOK Hanau erstattet

Die Gutachten wurden nun noch weiter präzisiert, weitere Ärzte unterstützen den Antrag. In einem Brief heißt es unter anderem, Müller habe eine geringe Impulskontrolle, stark reduzierte Aufmerksamkeit und schwere depressive Episoden gezeigt. Die Cannabis-Therapie habe die Konzentrations- und Kommunikationsfähigkeit sowie die Impulskontrolle deutlich verbessert; die Narbenschmerzen ließen nach. Müller will einen neuen Versuch starten und hat Beschwerde gegen den Gerichtsbeschluss erhoben.

Gleichzeitig hat einer seiner Anwälte gegen eine Sachbearbeiterin der AOK Hanau Anzeige wegen Körperverletzung erstattet, weil die Ablehnung auf geradezu hanebüchene Art begründet worden sei und sich die Erkrankung von Müller zwischenzeitlich verschlimmert habe. Die AOK teilt dazu mit, sie sei über den Vorstoß irritiert: „Denn wir sehen hier keinerlei strafrechtliche Relevanz und stehen nach wie vor zu unserer leistungsrechtlichen Entscheidung.“ Diese sei auf Basis gesetzlicher Vorgaben gefällt worden und nicht eigenmächtig durch eine Sachbearbeiterin. 

Thomas Müller, der wegen seiner Krankheit und der schmerzhaften Folgen eines Schlüsselbeinbruchs krankgeschrieben ist, hofft, dass es im Streit um die Kosten letztendlich zu einer für ihn positiven Entscheidung kommt. Vor zwei Monaten wurde er als gesetzlicher Betreuer seiner schwerkranken Mutter, die an Krebs und Parkinson leidet, eingesetzt. „Ich muss für meine Mutter stabil bleiben.“

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