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Bruchköbel Vom rechten Rand zur FDP

Ein ehemaliger Neonazi-Aktivist ist Beisitzer im Bruchköbeler Ortsverband der Liberalen. Er sagt, er habe eine „innere Demokratisierung“ durchlaufen.

Rathaus Bruchköbel
Das Rathaus von Bruchköbel: Ein ehemaliger Nazi-Aktivist sitzt für die Liberalen im Ortsverband. Foto: Monika Müller

Wenn man G. glauben möchte, hat sich bei ihm in den letzten vier Jahren „einiges diametral“ verändert. In allererster Linie seine politische Einstellung. Seit Anfang 2018 ist G., dessen richtiger Name der Redaktion bekannt ist, Mitglied der FDP in Bruchköbel (Main-Kinzig-Kreis). Seit Frühjahr gehört er sogar dem Vorstand des Ortsverbandes an - wenn auch nur als Beisitzer. G. sagt von sich, er sei ein „politischer Mensch“. Das war er schon früher - da allerdings noch am äußerst rechten Rand des politischen Spektrums: als Aktivist der „Nationalen Sozialisten Rhein-Main“.

Anfang 2010 trat die Gruppierung erstmals bei bundesweiten Neonazi-Veranstaltungen auf. Kurze Zeit später entwickelt sich der Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim zu ihrem Hauptaktionsfeld - auch weil mit Eike Grunewald, damaliger NPD-Kandidat für die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung und Weggefährte des langjährigen NPD-Stadtverordneten Jörg Krebs, einer der führenden Köpfe dort lebt. Die vorwiegend jungen Neonazis machen zunächst durch Fackelmärsche mit mehreren Dutzend Teilnehmern auf sich aufmerksam. Später auch durch Störaktionen bei Veranstaltungen sowie Einschüchterungsversuchen bei Kommunalpolitikern und linken Aktivisten.

Im Gegensatz zu den führenden Köpfen der Nationalen Sozialisten Rhein-Main (NSRM), die sich ganz offen zeigen, legt G. seinerzeit großen Wert darauf, bei den Aktionen, an denen er sich beteiligt, nicht erkennbar zu sein. Das hat seinen Grund: G. ist zu diesem Zeitpunkt noch Auszubildender in der Verwaltung des Landkreises Offenbach. Lässt sich also quasi von dem „System“ ausbilden dessen Sturz er in seiner Freizeit mit seinen Kameraden herbeiführen will. Als die FR im März 2011 die Aktivitäten des Auszubildenden öffentlich macht, reagiert die Kreisverwaltung prompt. G. darf seine Ausbildung zwar beenden, wird jedoch nicht übernommen.

G. spricht vom „innerer Demokratisierung“

Danach zieht es G. nach Chemnitz, wo er Anschluss an die örtlichen „Nationalen Sozialisten Chemnitz“ findet. Als die Gruppierung im Frühjahr 2014 vom sächsischen Innenministerium wegen verfassungsfeindlicher Bestrebungen verboten wird, zählt die Verbotsverfügung G. zu den führenden Mitgliedern. Die Wohnung seiner Eltern in Bruchköbel wird durchsucht - allerdings ohne Ergebnis. G. selbst bestreitet, jemals zur Führungsriege oder auch nur zum harten Kern der Nationalen Sozialisten Chemnitz gehört zu haben. 

Heute sagt G. über sich selbst, dass er eine „innere Demokratisierung“ durchlaufen habe. Seine Zeit in der rechten Szene bezeichnet er als „Fehler“. Heute engagiere er sich in der FDP, um „produktiv meine unproduktive Zeit wettzumachen“. Ansonsten wolle er ein normales Leben führen, ohne auf seine Vergangenheit zurückgeworfen zu werden.

Gegenüber seiner Partei allerdings, das räumt G. ein, habe er seine Vergangenheit nicht thematisiert. Man weise ja bei einem Bewerbungsgespräch auch nicht auf dunkle Flecken in der eigenen Biografie hin, so G. Er rechne aber damit, dass das Thema spätestens nach der Berichterstattung der FR zur Sprache kommen werde.

Eine Einschätzung, die von Sylvia Braun, der Vorsitzenden der FDP in Bruchköbel, geteilt wird. G.s Vergangenheit - die weder ihr noch dem Parteivorstand bislang bekannt gewesen sei -, solle bei der nächsten Vorstandssitzung im September Thema sein. Erst danach könne man sich ein vollständiges Bild machen.

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