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100 Jahre Hohe Tanne Raus aus der Stadt

Wachenbuchen gründet das Villenviertel Hohe Tanne als Modellsiedlung im Grünen für das betuchte Bürgertum - Immobilienmakler bekommen bei dem Namen noch heute glänzende Augen.

Hanaus feinstes Wohngebiet "Hohe Tanne" wird 100 Jahre alt. Foto: Oeser

Hohe Tanne. Bei diesen Worten verfallen Immobilienmakler in schönste Fachpoesie, Fußballfans bekommen leuchtende Augen und denken an Eintracht-Kicker wie Köpke oder Gaudino, Freunde des schrulligen Humors sehen Rainer Bange vor sich und andere erinnern sich an heftige Proteste gegen dies und das. Manch Hanauer rümpft aber auch leicht verächtlich die Nase, weil dort vermeintlich nur der Geldadel Quartier bezieht.

Raus in die Natur war vor 100 Jahren der Gedanke zur Hohen Tanne. Die Industrialisierung lockte die Menschen mit Arbeit in die Städte, die unter hoher baulicher Verdichtung ächzten. Eine Verslumung der Viertel war oftmals die bittere Konsequenz.

Der Brite Ebenezer Howard hatte Ende des 19. Jahrhunderts die Idee für die „Garden City“. Mit seiner Vorstellung von einer Gartenstadt verband er eine nach den Bedürfnissen der Bewohner konzipierte Siedlung unter Berücksichtigung moderner, menschenwürdiger Wohnqualität – und dazu gehörte für ihn auch das Leben in der Natur in gehobener Architektur. Ein Beispiel par excellence – weil auch noch weitgehend im Original erhalten – ist Port Sunlight nahe Liverpool. Die Brüder Lever ließen die Siedlung für die Arbeiter ihrer Seifenfabrik „Sunlight“ bauen.

Auch in Deutschland fand wegen ähnlicher städtischer Verhältnisse die Gartenstadtbewegung schnell Anhänger. Jedoch nicht selten für eine andere Klientel. Als Modell für die Hohe Tanne stand das Dreieichenhainer Villenviertel Buchschlag (Kreis Offenbach), das der Kaufmann Jacob Latscha gegründet hatte. Ende 1911 beschloss der Wachenbuchener Gemeindevorstand eine „Landhaussiedlung nach dem Vorbild von Buchschlag“.

Bei der damaligen Regierungsstelle in Kassel fand der Wunsch der Wachenbücher schnell Zustimmung. Schon bald konnte im Dorfwald für die Bauplätze gefällt werden. An der Hochstädter Landstraße feierte man im Herbst 1912 den Spatenstich für ein Wohnhaus, die heutige Hausnummer 107, die Villa Kellner.

Ausgehend von der Landstraße wurde das Siedlungsgebiet sukzessiv über Jahrzehnte bis zur Kreisstraße 872 bebaut. Frei stehende Häuser auf durchschnittlich 1000 Quadratmeter großem Grund, das war die Regel. Die Straßen wurde idyllisch auf Vogelnamen getauft. Die Entwicklung des Gebietes verlief in Schüben, ohne Generalplan. Doppel- und Mehrfamilienhäuser wurden ebenso wie architektonische Durchschnittsware hochgezogen. Der einstige Landhausstil war bald obsolet. Der erste Bungalow in vager Postmoderne entstand 1962. Ein Preiswert-Haus aus vorgefertigten Bauteilen.

Inzwischen hat der Generationswechsel in der Hohen Tanne eine Welle der Immobilienspekulation ausgelöst. Neubesitzer rissen Bestand ab und bauten größer oder verdichteten Grundstücke mit Neubauten, um die Rendite zu steigern. Als 2004 ein Investor eine 200 Jahre alte, denkmalgeschützte Eiche mit Genehmigung der Stadt fällen ließ, um ein Grundstück mit einem Mehrfamilien-, einem Doppel- sowie einem Einzelhaus finanztechnisch zu optimieren, kochte die Seele der „Hohen Tänner“ über. Das Hanauer Stadtparlament beschloss einen Bebauungsplan. Mit der Gebietsreform 1974 gehört die Siedlung zu Hanau.

Auch davor zeigten sich die Siedler widerspenstig, wenn auch nicht immer so wie die Lehrerin, die im Sommer 1956 quasi im Affekt ihr eigenes Haus besetzte. Das Gebäude wurde nach dem Krieg von der US-Armee als Bleibe für GI-Familien beschlagnahmt. Ursula Schmitz-Schlagloth kam eines Tages an ihrem Elternhaus vorbei, holte den Kellerschlüssel hervor, öffnete die Tür des wieder leeren Hauses und verbarrikadierte sich dort. Nachbarn versorgten sie mit Essen, vorbei am US-Wachposten.

Kollektiver Widerstand flammte Mitte der 1970er Jahre beim Bau der Autobahn 66 auf. Nur knapp 300 Meter entfernt zieht die Trasse am Ortsrand vorbei. Bürgerinitiative und Gegengutachten bewirkten letztlich nichts. Dass der „Hohe Tänner“ sein Idyll notfalls im Alleingang verteidigt, mussten 2003 die Macher des Ironmans erleben. Ein Mann sah sich und seinen Hund beim Gassigehen gestört. Weil die Sportveranstaltung den Ort für einen Tag teilte, drohte er mit Klage. Seitdem radeln die Ironmänner an der Hohe Tanne weit vorbei.

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