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Verkehr Fahrrad Pendler Eine Autobahn für Fahrräder

Im Kreis Offenbach kann in Sachen Fahrradverkehr noch einiges besser werden. Zwei Studierende der Hochschule Darmstadt tüfteln derzeit an Schnellverbindungen zwischen den Zentren in der Region.

Philipp Konrad (li.) und Tobias Marquard tüfteln an Streckenvarianten. Foto: Monika Müller

"An Hessen führt kein Weg vorbei", lautet der offizielle Werbeslogan des Landes – Radwege sind damit wohl nicht gemeint. Denn da könnte noch einiges besser werden. Bisher ist Radfahren hauptsächlich ein Freizeitvergnügen. Das liegt auch an der vorhandenen Infrastruktur. Die ließe sich allerdings deutlich verbessern, zum Beispiel mit Fahrradautobahnen.

Der Begriff ist ja an sich paradox, beschreibt aber doch ganz treffend, was gemeint ist: Freie Fahrt für freie Radler, auf möglichst breiten, möglichst geraden Wegen, mit wenigen Kreuzungen und einem feinen Straßenbelag. „Wir reden lieber von Radschnellverbindungen“, sagt Jürgen Follmann, Professor an der Hochschule Darmstadt und profilierter Verkehrsplaner. In Hessen sind Schnellstraßen nur für Radfahrer bisher noch eine Utopie, doch das könnte sich schon bald ändern.

Zwei von Follmanns Studenten, Tobias Marquard aus Neu-Isenburg, 27, und Philipp Konrad aus Rodgau, 28, tüfteln in ihren Abschlussarbeiten gerade daran, wie sich eine Pilotstrecke von Frankfurt nach Darmstadt umsetzen ließe, welche bestehenden Trassen eingebunden werden könnten und wo genau die Route am besten verlaufen sollte.

Schlechtes Wegenetz

Dieser Fahrradschnellweg würde die einwohnerstarken Städte des Westkreises miteinander und mit den beiden Großstädten und ihren zahlreichen Arbeitsplätzen verbinden, könnte attraktiv für Berufspendler und ein Vorbild für andere Landkreise rund um Frankfurt sein. In den betroffenen Städten fällt die Idee auf fruchtbaren Boden, Lokalpolitiker ganz unterschiedlicher Couleur unterstützen den Plan. Auch der Regionalverband treibt das Projekt voran. Mit den beiden studentischen Arbeiten wird das Vorhaben nun deutlich konkreter, eine Machbarkeitsstudie soll folgen.

Das Rhein-Main-Gebiet kokettiert gerne mit seiner verkehrsgünstigen Lage. Frankfurt ist Pendler-Hauptstadt Deutschlands – jeden Morgen und jeden Abend zieht ein Heer von Werktätigen auf den immer gleichen Pfaden vom Heim ins Büro, vom Büro nach Hause. Fast alle nehmen dabei das Auto oder fahren mit der Bahn. Nicht einmal jeder zehnte Berufspendler setzt sich aufs Rad.

Das liegt auch an den bisher schlechten Wegen. Wer mit dem Rad von Darmstadt nach Frankfurt pendeln würde – was die wenigsten tun –, dem bleibt bisher auf dem größten Teil des Weges nur, bedrängt von den Autos am Straßenrand oder auf Schotterwegen durch den Wald zu fahren.
Marquard, der die Strecke von Darmstadt nach Langen untersucht, und Konrad, der Langen bis Frankfurt bearbeitet, haben sich für ihre Masterarbeiten die verschiedenen Routen vorgenommen. Drei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten für die Trassenführung gäbe es, wenn keine komplett neue Strecke querfeldein gebaut werden soll; sie wären auch miteinander kombinierbar. Route eins führt entlang der A5, Route zwei folgt der Bahnstrecke Frankfurt-Darmstadt und die dritte Route der B3.

Alle Varianten abgefahren

Den großen Nachteil der ersten Variante zeigt schon ein rascher Blick auf die Landkarte: Kaum ein Radler dürfte sich freiwillig kilometerweit an der Autobahn entlangführen lassen, wo Abgase und Lärm herüberwehen. Zudem ist der Abstand von der Autobahn zu den Städten im Westkreis sehr groß. Das ist unpraktisch, denn die meisten Radpendler müssten ja nur einen Teil der Strecke zurücklegen, auch wenn künftig immer mehr schnelle E-Bikes im Einsatz sein werden. Neu-Isenburg hat selbst mehr Ein- als Auspendler, bei Dreieich ist die Bilanz fast ausgeglichen.

„Wir sind alle Trassenvarianten abgefahren, natürlich mit dem Fahrrad“, sagt Konrad. „Das muss man unbedingt in beiden Richtungen machen, denn erst dann merkt man, wo es Problemstellen gibt.“ Begleitet wurden sie dabei immer auch von den bei den jeweiligen Kommunen für Radverkehr Zuständigen. Zwischen Langen und Frankfurt hat Konrad neben der B3- und der Bahn-Variante eine dritte Strecke ausgearbeitet, die von Langen über Sprendlingen nach Neu-Isenburg führt. Eine mögliche Route durch die Stadt wäre dort die Hugenottenallee anstelle der Frankfurter Straße. Hinter Neu-Isenburg müsste sich die Radschnellverbindung auf jeden Fall verzweigen, um die einzelnen Stadtteile Frankfurts wie die Bürostadt Niederrad, das Bankenviertel oder die Innenstadt anzubinden.

Mit dem Rad zum Flughafen

Eine besonders interessante Abzweigung haben die Studenten sich dabei ebenfalls genauer angesehen: den Weg zum Frankfurter Flughafen. Zu dem gigantischen Job-Motor fährt kaum einer der dort Arbeitenden mit dem Fahrrad. Zwar schreibt die Fraport, „eine adäquate Erschließung des Terminals 3 auch für den Radverkehr“ sei bereits im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens nachgewiesen worden, doch wer einmal versucht hat, mit dem Fahrrad zu den schon bestehenden Terminals zu gelange, weiß dass da noch manches im Argen liegt.

Doch wer würde das alles finanzieren? Innerorts müssen die finanziell sehr klammen Städte die Fahrradwege bezahlen, außerhalb baut die Straßenbaubehörde Hessen Mobil. Wer die Kosten für den Schnellweg von Darmstadt nach Frankfurt übernehmen würde, ist noch unklar.
Beide Studenten kennen sich von Kindesbeinen an im Kreis Offenbach aus, trotzdem, so sagen sie, sei es faszinierend gewesen, bei den Recherchen viele neue Wege zu entdecken. „Bestehende Wegemuster ändern sich eben nicht so schnell“, sagt Marquard.

Potenzielle Radpendler hätten zur Eingewöhnung mit Sicherheit auch noch viele Jahre Zeit – bedenkt man, wie lange etwa die Planungen für die S-Bahn nach Rodgau oder die Umgehung für Offenthal gedauert haben. In Nordrhein-Westfalen allerdings hat die Landesregierung die Idee der Fahrradautobahnen jetzt zur Chefsache gemacht. Ähnliches könnte durchaus auch zu Schwarz-Grün in Hessen passen

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