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Rodgau Unbequeme Erinnerung

Vor 75 Jahren kamen die ersten Gefangenen ins NS-Straflager Rollwald. Mit Führungen über das Gelände, Film- und Fotoaufnahmen wollen der Verein für multinationale Verständigung und die Stadt am Tag des Denkmals die Erinnerung an die unmenschlichen Lebensbedingungen bewahren.

Heilig Kreuz in Rollwald. Die Siedlung ist nach dem zweiten Weltkrieg entstanden. Dort lebten 1397 Menschen. Die heutigen Häuser stehen zum Teil auf dem Gelände eines in der Nazi-Zeit betriebenen Strafgefangenenlagers. Foto: Andreas Arnold

Vor 75 Jahren kamen die ersten Gefangenen ins NS-Straflager Rollwald. Mit Führungen über das Gelände, Film- und Fotoaufnahmen wollen der Verein für multinationale Verständigung und die Stadt am Tag des Denkmals die Erinnerung an die unmenschlichen Lebensbedingungen bewahren.

Dass es im Rollwald ein Lager gab, wusste jeder. Die nationalsozialistischen Machthaber hatten gegen den Widerstand von Bürgermeistern ein riesiges Waldstück roden lassen. Sie hatten Pläne für das Areal zwischen Nieder-Roden und Ober-Roden, die ihre Gigantomanie illustrieren. Gleich 80 Bauernhöfe mit je 15 Hektar Fläche sollten auf dem früheren Waldgelände entstehen und 400 Wohnungen für Arbeiter. Frankfurter Abwasser sollte über Rohre in den Rodgau geleitet werden, um die Felder zu düngen. Strafgefangene mussten die Bäume fällen, die Bäche begradigen und Wohnhäuser für die geplante Siedlung errichten.

Was genau hinter den hohen Zäunen des 250 mal 190 Meter breiten Lagers geschah, in dem von 1938 bis 1945 mehr als 10.000 Menschen gefangen waren, wollte lange niemand wissen. Nur Kriminelle seien dort inhaftiert gewesen, hieß es. Es kamen aber auch Gerüchte auf, der frühere Tennisstar Gottfried von Cramm und der SPD-Politiker Gottfried Erler wären ebenfalls im Lager Rollwald gewesen.

200 Todesfälle im Lager

Erst Jahrzehnte nach dem Krieg, im Jahr 1980, versuchte die Evangelische Jugend im Dekanat Rodgau die Existenz des Lagers wieder in Erinnerung zu rufen und errichtete einen provisorischen Gedenkstein. Sie war es auch, die Mitte der 90er Jahre eine Ausstellung zur Geschichte des Lagers präsentierte. Gründlich wissenschaftlich aufgearbeitet wurde diese aber erst von Heidi Fogel, die 2004 ihr Buch „Das Lager Rollwald“ veröffentlichte.

Die promovierte Historikerin kommt darin zu dem Schluss, dass es sich bei dem Lager zwar nicht um ein von SS-Angehörigen bewachtes Konzentrationslager handelte, Rollwald aber auch beileibe keine normale Einrichtung des Strafvollzugs war. „Gesundheitsgefährdungen und sogar der Tod von Menschen wurden in vielen Fällen in Kauf genommen“, schreibt sie. Es habe Misshandlungen gegeben, in Einzelfällen auch mit Todesfolge. Von den 200 Todesfällen im Lager seien viele auch auf die schlechten Arbeits- und Lebensumstände zurückzuführen gewesen. Die Arbeitskraft der Gefangenen sei rücksichtslos ausgebeutet worden.

Die Inhaftierten waren nach den Recherchen Fogels keineswegs nur Kriminelle. Etwa ein Drittel der einheimischen Gefangenen war aus anderen Gründen ins Lager gesperrt worden. Dort mussten unter anderem Nichtsesshafte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, aber auch politische Gegner der Nazis leben. Später kamen Gefangene aus dem Ausland hinzu.

Wenige Überreste

Vom früheren Lager ist heute gerade für Ortsfremde kaum noch etwas zu erahnen. Zu den Überresten zählt das Arrestgebäude, in dem heute ein Lokal mit griechischer Küche ist. Auch die so genannten Beamtenhäuser stehen noch.

Mit Führungen über das Gelände, Film- und Fotoaufnahmen wollen der Verein für multinationale Verständigung und die Stadt am Tag des Denkmals am 8. September die Erinnerung an die unmenschlichen Lebensbedingungen im Lager bewahren. „Unbequeme Denkmale“ heißt diesmal das Motto des europaweiten Tags. Wie unbequem die Erinnerung an das Lager offenbar noch immer ist, erlebten die Teilnehmer einer Sternfahrt für Toleranz im Frühjahr. Als sie an den Gedenkstein auf dem Lager-Friedhof kamen, war dieser mit Kot beschmiert.

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