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Neu-Isenburg Selbstverständlich mit Kopftuch

Die neue städtische Bau-Broschüre will ein Stück Vielfalt und Alltag abbilden. Inmitten der Anleitung für junge Bauherren und -herrinnen sorgt ein Werbebild für eine kleine Kulturrevolution.

Ganz selbstverständlich illustriert Neu-Isenburg seine Baubroschüre auch mit Werbebildern von Migranten. Foto: Renate Hoyer

Ach, das mit dem Kopftuch ist doch gar nicht so wichtig“, winkt Neu-Isenburgs Erster Stadtrat Stefan Schmitt (CDU) ab. Es versteckt sich in einer schön gemachten Broschüre, die sich an junge Bauherren und -herrinnen richtet. „Planen und bauen in Neu-Isenburg – ein Wegweiser“ heißt sie und ist, herausgegeben von der Stadtverwaltung, soeben erschienen. „Für viele Leute ist der Hausbau ein Buch mit sieben Siegel“, sagt Schmitt. „Deshalb hatten wir die Idee für die Broschüre.“

Nun sind Ratgeber wie dieser in einer Stadtverwaltung nichts ungewöhnliches, doch in diesem verbirgt sich auf Seite 16, was man eine kleine Kulturrevolution nennen könnte. Da sitzt ein junges Paar etwas eigenartig drapiert auf zwei Klappleitern mitten in einer Baustelle und zeigt recht gut gelaunt auf irgend einen Vorgang außerhalb des Bildes. Das Foto ist ein typisches Broschürenbild, aber eben nicht ganz. Denn die junge Frau, die sich hier mit dem Bauen beschäftigt, trägt ein Kopftuch, ihr Mann und sie haben offensichtlich ausländische Wurzeln. Und das macht sie in einer städtischen Broschüre doch immer noch zu etwas besonderem.

Denn Bilder sind ein starkes Ausdrucksmittel – nicht umsonst heißt es, schon eines sage „mehr als 1000 Worte“. Migrantenorganisationen beklagen allerdings seit Jahren, dass die Motiv-Auswahl etwa in der Werbung ziemlich eingeschränkt ist und Zuwanderer oft nur in einem negativen Kontext zu sehen sind. Dabei sieht der Alltag inzwischen grade im Rhein-Main-Gebiet wesentlich bunter aus.

In Neu-Isenburg ist man jedenfalls schon weiter. Dass auch mit Migranten geworben wird, ist offenbar so selbstverständlich, dass die Stadtverwaltung dies nicht gesondert betonen muss und auch keine Eigenwerbung damit macht.

Erst auf Nachfrage sagt Neu-Isenburgs Pressesprecherin Cornelia Doebel, „Planen und Bauen“ sei für die Stadt „das erste Werbemittel, das explizit und ganz bewusst die Lebensrealität abbildet“. Migranten habe man bisher nur in den Werbemitteln der Stabsstelle Integration abgebildet. „Das zeigt doch die Multinationalität und Vielfalt in der Stadt“, sagt Erster Stadtrat Schmitt.

„Das ist ein schönes Zeichen“

Die kleine Broschüre formuliert einen Sinneswandel, den auch die seit 2004 für Integration zuständige Erste Kreisbeigeordnete Claudia Jäger (CDU) wahrgenommen hat. „Dieser Ratgeber ist doch ein schönes Zeichen“, sagt sie. Vieles sei selbstverständlicher geworden in den vergangenen Jahren, der Kreis habe bereits bei einer Plakataktion für das Ehrenamt auch mit Migranten geworben.

Den Sinneswandel bemerke sie auch ganz konkret. „Man kann das auch daran sehen, dass sich heute viel mehr Ehrenamtliche um die Flüchtlinge bemühen als vor 20 Jahren“, sagt Jäger. „Dazu hat sicher auch die Arbeit der Integrationsstellen in den Rathäusern beigetragen. Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass Integrationsarbeit etwas bewirkt. Die Leute treffen sich im Verein, im Kindergarten oder in der Schule und lernen, miteinander umzugehen.“

Auch die Verwaltung habe sich verändert, sagt Jäger. So versuche man, mit Terminvergabe von den langen Warteschlangen im Ausländeramt wegzukommen. Das mache Kunden und Mitarbeiter zufriedener. Bei einer Tagung sei kürzlich sogar vorgeschlagen worden, das Amt in Willkommensbehörde umzubenennen.

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