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Neu-Isenburg Mit Capoeira fing alles an

Weg von der Straße, von der Kinderarbeit, von Gewalt und Prostitution: Mit seinem Projekt "Capodanca" verhilft der Neu-Isenburger Lungenarzt Frank Freytag brasilianischen Kindern zu Bildung und Sozialkompetenz.

Über den Kampftanz Capoeira fand Frank Freytag Zugang zu brasilianischen Straßenkindern. Foto: privat

Riesige Fotografien ziehen die Blicke auf sich: Jungen und Mädchen mit großen dunklen Augen blicken die Patienten an den Wänden der Praxis von Frank Freytag an. Es sind allesamt „seine“ Kinder. Der Neu-Isenburger Lungenarzt hat ihnen eine Zukunft gegeben. Er hat im Norden von Brasilien das Hilfsprojekt „Capodanca“ ins Leben gerufen, das Straßenkindern Bildung und Heimat gibt. Eben jenen Kindern mit den großen Augen.

Frank Freytag war mit einer Brasilianerin verheiratet, und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Bei einem Besuch bei der damaligen Schwiegermutter im brasilianischen Hinterland im Jahr 2005 meinte die Verwandtschaft, er könne sich im Dorf doch „nebenbei“ ein asthmakrankes Kind anschauen. „Aus dem einen Kind wurde eine ganze Klasse“, erinnert er sich – und dann die ganze Schule. „An diesem Tag fing alles an, anders zu werden“, sagt er.

Was der Pneumologe damals nicht wusste: Kinder, die in die Schule gehen, sind in Brasilien privilegiert. „Von draußen haben Straßenkinder in die Klassenzimmer reingeschaut, die nicht zur Schule gehen durften“, sagt er. Sie mussten stattdessen täglich auf dem Feld oder im Schlachthof arbeiten oder auf dem Markt Schlachtabfälle verkaufen.

Altes Haus statt neuem Auto

Der Arzt holte die Jungen und Mädchen weg von der Straße, weg von der Kinderarbeit, weg von Gewalt und Prostitution. Er erreichte sie über den brasilianischen Kampftanz Capoeira. „Ich habe sie dabei unterstützt, einen Ort zu finden, an dem sie ihre Sportart betreiben konnten“, sagt Freytag.

Statt eines neuen Autos kaufte er in Brasilien ein altes Haus, entkernte es und baute es zusammen mit den Straßenkindern um. „Jedes Mal, wenn ich nach Brasilien geflogen bin, habe ich einen anderen Teil des Hauses renoviert“, sagt Freytag. Dafür seien alle Urlaube draufgegangen. „Zum ersten Mal hatten die Kinder eine Heimat.“

Im Anschluss wurde daraus ein eigenes Projekt. Mit seiner Ex-Frau, einer Tanzpädagogin, fügte er der Capoeira Elemente moderner Tanzpädagogik bei – und kreierte so Capodanca.

Die Kinder in diesem Projekt tanzten und kämpften nicht nur, sie erhielten fortan auch Zugang zur Bildung. Sie hatten sich allerdings an Grundregeln zu halten: keine Drogen, kein Alkohol, keine Zigaretten – und die Pflicht, in die Schule zu gehen. Er organisierte für sie Zahnärzte, die freiwillig arbeiteten. Er gab ihnen Schulhefte und Buntstifte, kaufte ihnen Schulkleidung.

„Es geht in diesem Projekt aber nicht darum, materielle Dinge zu verteilen“, sagt Freytag. Neben Bildung stehe Sozialarbeit, Gesundheitsversorgung sowie die Förderung von Kunst, Kultur und Sport im Vordergrund. Alle Kinder besuchen die regulären Schulen und werden in zwei Vormittags- und zwei Nachmittagsblocks unter anderem am Computer geschult oder über HIV aufgeklärt.

Kinder werden selbst zu Lehrern

Mehr als 80 Jungen und Mädchen werden in Capodanca aktuell betreut. „Wir haben mittlerweile eine Generation von Kindern durch das Projekt geschleppt“, sagt Freytag. Er ist stolz, dass einige inzwischen selbst als Lehrer fungieren. Sein großes Ziel sei es, das Projekt „irgendwann mal sich selbst überlassen zu können“, sagt er.

Selbst sein großes Hobby, die Fotografie, hat der Lungenarzt ganz in den Dienst der guten Sache gestellt: „Über Galerien, in denen ich meine brasilianischen Bilder ausgestellt habe, bekam ich Augenmerk für das Projekt. Durch den Verkauf von Bildern konnte ich Geld rekrutieren.“

„Dass Brasilien als Land der Fußball-WM noch Hilfe braucht, versteht kein Mensch“, sagt Freytag. Und er betont, dass Capodanca durchaus eine Idee sei, die transformiert und an andere Orte transportiert werden könne.

Spenden für Capodanca können überwiesen werden an Kinderbrasil e.V., Konto 696 000 460 bei der Postbank Dortmund, BLZ 44010046.

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