Lade Inhalte...

Neu-Isenburg Bewegen und sich begegnen

Alle zwei Wochen bieten Vereine mit großem Erfolg einen offenen Sporttreff für Flüchtlinge an. Der Sport helfe, den Alltag im Flüchtlingscamp zu verarbeiten.

Auch für die Kinder bieten die Sportvereine ein Bewegungsprogramm an. Foto: Alex Kraus

Viel Trubel herrscht auf dem Rasenfeld am Sportpark, rund 60 Männer, Frauen und Kinder üben sich hier in den verschiedensten Sportarten. Einige in Trainingsanzügen, andere in Alltagskleidung. Ob auf dem Platz oder in der Halle, es herrscht ein Sprachengewirr. Denn die hier Trainierenden sind Flüchtlinge, zumeist aus der Neu-Isenburger Erstaufnahme-Einrichtung des Landes.

Sporttreff für Flüchtlinge nennt sich die Aktion. Ins Leben gerufen hat sie Ben Friedrich von der Badmintonabteilung des TV 1861. „Im November gab es einen Aktionstag für Flüchtlinge, der vom Sportamt organisiert wurde und an dem die hiesigen Vereine teilnahmen“, sagt Friedrich. Ihm gefiel die Idee des gemeinsamen Trainings gut, doch konnte das Sportamt die Aktion selbst nicht wiederholen. Kurzerhand entschied der 33-Jährige, selbst die Aktionstage auszurichten. „Das war vielleicht etwas blauäugig“, sagt er. „Ich habe mit so 20 Leuten gerechnet – und dann kamen 80.“

Gemeinsam mit Unterstützern aus dem Turnverein und freiwilligen Helfern baute er den Sporttag seither zum festen Angebot für Flüchtlinge aus, rund 100 kommen durchschnittlich zu den Sporttreffs. Alle zwei Wochen, wenn der TV die Halle belegt, wird zum gemeinsamen Sport am Nachmittag geladen.

Direkte Ansprache wichtig

Zu den Helfern, die dolmetschen, gehören die Neu-Isenburgerin Faten El-Ghouj und George Sameripour, der selbst als Flüchtling nach Deutschland kam. „Ich bin aus dem Iran vor sieben Monaten gekommen“, sagt er. Inzwischen wohne er in Frankfurt-Sossenheim. Für den Sporttag kommt er regelmäßig nach Neu-Isenburg und übersetzt. El-Ghouj wirbt in der Erstaufnahmeeinrichtung bei den Flüchtlingen für den Sporttreff und organisiert gemeinsame Laufgruppen zum Sportpark. „Ohne diese direkte Ansprache würden sich nicht alle hierher trauen“, sagt Johanna Farr vom Organisationsteam.

„Es kommen auch Flüchtlinge aus Darmstadt oder Dietzenbach hierher, um zu trainieren“, sagt Farr. Denn Sport helfe, den Alltag im Flüchtlingscamp zu verarbeiten. „Dort ist es laut, man hat keine Privatsphäre – da müssen wir doch etwas anbieten, um zu helfen“, sagt die 29-Jährige. Außerdem sei das Angebot im Sportpark oft der erste Kontakt von Flüchtlingen mit Deutschen abseits von Camp und Polizei.

Bei den Flüchtlingen kommt das gut an, während des rund vierstündigen Trainings gibt es überall strahlende Gesichter zu sehen. Ob bei den Kleinsten, die über Turnkästen klettern oder den älteren, die gemeinsam Fußball spielen oder Krafttraining machen. Das bietet die Sportgemeinschaft Crossfit an. Zwei Rudergeräte haben sie mitgebracht und auf den Rasen gestellt. Dicht umlagert sind die Geräte, auch auf den Fitnessmatten werden eifrig Sit-ups geübt.

Zehnmal sei er schon beim Sporttreff dabei, sagt Masut aus Afghanistan. „Ich habe früher geboxt, aber auch etwas Volleyball gespielt“, sagt er. Für das Angebot im Sportpark ist er dankbar: „Im Camp gibt es viel Stress und Depression, dagegen ist Sport ein gutes Mittel.“ Dann erzählt er, dass Marco Gerhardt von Crossfit ihn zum täglichen Training eingeladen habe. „Ich habe mich entschlossen, fünf Jungs, die Talent haben, ein wenig zu unterstützen“, sagt Gerhardt. Den Sporttreff möchte er auch weiter unterstützen, „Crossfit war nicht das letzte Mal hier.“

Alle trainieren zusammen

„Schön ist, dass hier alle zusammen trainieren“, sagt Farr. Gerade für Frauen, die in ihrer Heimat kaum Sport treiben durften, sei es ein wichtiges Angebot. „Die meisten sind in der Halle beim Badmintontraining“, sagt sie. So wie die 16-jährige Zara aus Afghanistan. Über Dolmetscher George habe sie vom Sporttreff gehört und sei mitgegangen. „Badminton macht Spaß, das hier ist eine schöne Abwechslung“, sagt sie und übt weiter den Aufschlag.

Bei Trainer Stefan Ostermann geht es in der Halle hoch her: Klobürstenhockey nennt sich das Spiel, das gerade bei den Kindern beliebt ist. „Außer einem Ball und Klobürsten aus dem Baumarkt braucht es dazu nichts“, sagt Friedrich. „Die Kinder können sich richtig austoben.“

Durch die Mithilfe anderer Vereine ist es Friedrich gelungen, einige feste Sportgruppen für Flüchtlinge zu schaffen: So gibt es im Camp immer donnerstags Gymnastik für Frauen oder freitags Fußballtraining. Für die fest in Neu-Isenburg wohnenden Flüchtlinge ist Gerhard Gräber zuständig: Der vermittelt die Flüchtlinge in Sportvereine. „Da gibt es ein großes Entgegenkommen seitens der Vereine“, lobt Gräber.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum