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Langen Wenig Luxus, viel Romantik

Warum in die Ferne schweifen? Urlaub auf dem Campingplatz am Langener Waldsee ist zwar einfach, aber stressfrei.

Herbie Dienenthal aus Frankfurt verbringt seit 40 Jahren jeden Sommer am Langener Waldsee. Sein Zelt hat sogar Teppichboden. Foto: Rolf Oeser

Um kurz vor 20 Uhr mahnt die Lautsprecherdurchsage alle Badegäste, jetzt mal allmählich ihre Handtücher einzupacken und das Strandbad am Langener Waldsee zu räumen. Wenn Strandbad-Leiter Mario Bautsch und sein Team den Feierabend einläuten, beginnt für die Camper auf dem zum Strandbad gehörenden Zeltplatz die vielleicht schönste Zeit.

Ohne Badetrubel wird es nach Schließung des Bades abends ganz still, Frösche quaken, die blaue Stunde taucht den spiegelglatten Baggersee in ein magisches Licht. Wobei Ruhe relativ ist: Durch den Wald dringt Auto- und Bahnlärm, man hört auch die Flugzeuge. Die B44 ist nur einen Kilometer, die A5 und die beiden Bahnstrecken gute zwei und der Flughafen vielleicht drei Kilometer entfernt. Dafür wiederum ist die Idylle schon erstaunlich.

Tagsüber tummeln sich bis zu 12 000 Erholungssuchende an dem größten Gewässer im Rhein-Main-Gebiet. Der Campingplatz ist deutlich bescheidener, es gibt Platz für 80 Zelte und ein Dutzend Wohnmobile.

Nächtliches Baden verboten

Dennoch bedeutet das an heißen Sommertagen für die Schwimmmeister neben ihrem normalen Dienst bis zu 30 Einweisungen neuer Gäste, also: den Platz zeigen, Personalien registrieren, Geld kassieren und den Besuchern klar machen, was hier alles nicht erlaubt ist. „So viele Regeln sind das ja nicht“, sagt Bautsch. Offenes Feuer, lautes Feiern und nächtliches Baden stehen allerdings auf dem Index.

Familie Messthaler aus Lörrach hat einen besonders schönen Platz mit Seeblick erwischt. Vater Marcus, Mutter Karin, die Kinder Simon und Paula sind mit ihrem Wohnmobil auf Deutschlandreise. In Baden-Württemberg enden die Sommerferien deutlich später als in Hessen. Berlin steht noch auf dem Plan, Weimar und München, in Langen sind sie zum ersten Mal auf dem Zeltplatz. Die Messthalers waren den Tag über mit dem Fahrrad in Frankfurt, im Museum und auf einem Hochhaus, jetzt wird gekocht, die Kinder spielen im Sand. Sie haben erstaunlich viel Platz, der Campingplatz ist nicht ausgebucht.

Mit ihrer südbadischen Autonummer sind die Messthalers hier echte Exoten. Neben ihnen parkt ein Wohnmobil aus Frankfurt, rechts eines aus Darmstadt, weiter hinten stehen Camper mit GG- und OF-Kennzeichen. Dabei ist es ja doch etwas Besonderes: „Freunde, denen wir erzählt haben, dass wir in Frankfurt campen, fanden das sehr kurios“, sagt Marcus Messthaler. Insgesamt wurden auf den Campingplätzen im Kreis Offenbach vergangenes Jahr etwa 10 000 Übernachtungen gezählt – ohne Dauercamper.

Der Standard am Waldsee sei eher einfach, sagt Messthaler und nippt an seinem Weißwein – praktisch, wenn man einen batteriebetriebenen Kühlschrank dabei hat. „Dass man nicht mit Holzkohlen grillen darf, ist schade und selten.“ Es gibt keinen Stromanschluss, Duschen und Toiletten seien „nicht so sauber“, sagt der Familienvater. „Für uns ist das nur eine Zwischenstation, aber die hat schon ihren Reiz. Das hätte ich nicht so erwartet mit dem See. Für die Frankfurter ist das wahrscheinlich ein super Naherholungsgebiet.“

Wer wüsste das besser als Herbie Dienenthal? Der 61-Jährige verbringt seit sage und schreibe 40 Jahren seine Sommer hier als Camper am Waldsee. Sein Zelt hat einen Teppichboden, davor hat er Kunstrasen ausgelegt. Dienenthal kocht und grillt mit Gas, auch der Kühlschrank funktioniert so. Das Zelt hat sogar eine einfache Heizung. Die meisten Nachbarn kennt er gut, viele schon seit Jahrzehnten. Schöne Feste haben sie hier zusammen gefeiert und auch traurige Dinge erlebt. Zweimal sind Zeltnachbarn beim Baden ertrunken. Gestohlen wurde ihm in all den Jahren fast nichts – nur eine Pulle Sekt verschwand mal, und die hatte sich auch nur ein Nachbar ausgeborgt.

In vier Jahrzehnten habe sich viel verändert, sagt er und meint damit nicht nur die Bäume, die ordentlich gewachsen sind. „Früher war der Platz sehr günstig und auch sehr, sehr ausgebucht“, berichtet er. „Das waren alles Stammgäste.“ Der Preis sei dann gestiegen, erzählt er. „Aber da waren dann auch Eintrittskarte und Parkplatz dabei. Viele Stamm-Camper sind woanders hin, aber da ist es doch nicht so schön wie hier.“ 360 Euro zahlt er nun im Monat. „Ich bin auch hier, wenn’s regnet“, sagt der Frankfurter, der in Eschborn arbeitet. Das wievielte Zelt hat er inzwischen? Er denkt nach, beginnt zu rechnen. „Also da müsste ich lügen.“

Dienenthal lässt sich auch von schlechtem Wetter nicht beeindrucken. Auf seinem Handy zeigt er einen Film vom letzten Sommer, einen Sturm. Der Waldsee sieht aus wie ein Meeresstrand, das Wasser azurblau, hohe Wellen klatschen ans Ufer. Wunderschön sieht das aus, und es ist ein Anblick, den die meisten Strandbadbesucher so nie erleben.

Für solche Böen hat Dienenthal vorgesorgt. Sein Zelt ist mit Spezialgurten fest verankert. Das letzte ist im vergangenen Jahr auch nicht bei einem Sturm davongeweht, sondern ausgerechnet von einem losgerissenen Cabrio-Dach zerstört worden.

Richtige Ferien zu Hause macht die Familie Lawinski aus Kelkheim. Die vier sind mit dem Fahrrad unterwegs, der Weg ist ja nicht weit. Sie sind gerade dabei, ihre beiden kleinen Zelte aufzubauen; es ist hier alles einfacher und bescheidener als bei ihrem Nachbarn. Warum Langen und nicht Mallorca? „Na ja, das wäre ja sehr viel teurer. Hier zahlen wir nur hundert Euro für ein Wochenende“, sagt Vater Ireneusz. „Und wenn das Wetter schlechter werden sollte, fahren wir einfach wieder nach Hause.“

Ferien am Waldsee – das ist ein kurzer, unkomplizierter Urlaub. Wer stille Abende an einem ansonsten ziemlich trubeligen Ort genießen will, muss sich allerdings beeilen: Am kommenden Sonntag endet die Saison – in diesem Jahr früher als sonst, weil ein Festival des Hessischen Rundfunks am ersten Septemberwochenende das Gelände samt Zeltplatz komplett belegt. Auch das Strandbad wird für „Frankfurt am Meer“ fünf Tage lang geschlossen.

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