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Langen „Mäuse sollen nicht mehr für Tests sterben“

Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen forscht am Paul-Ehrlich-Institut an Alternativen zum tödlichen Tierversuch. Im FR-Interview sprechen sie über ihre Arbeit.

Preisträgerinnen Tierschutzpreis im Paul Ehrlich Institut
Die Preisträgerinnen im Paul Ehrlich Institut Foto: Monika Müller

Für ein neues Testverfahren, das künftig Tierversuche in großem Umfang ersetzen könnte, haben Forscherinnen des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen den mit 100.000 Euro dotierten Ursula-M.-Händel-Tierschutzpreis erhalten. Die FR sprach mit ihnen über ihre Motive und ob man mit Forschung zum Tierschutz reich werden kann.

Frau Krämer, Frau Behrensdorf-Nicol, wie ist Ihr Verhältnis zu Mäusen?
Krämer: Ich hatte mal eine Maus als Haustier, die hatte ein eigenes Abteil im Küchenschrank.
Behrensdorf-Nicol: Ich hatte nie die Zeit und die Voraussetzungen, um ein Tier artgerecht zu halten. Ich finde tatsächlich Mäuse ganz niedlich, aber ich mag auch Pferde oder Hunde. Generell finde ich, dass man Tiere nicht unsinnig nutzen soll.

Sie haben jetzt für Ihre Arbeit, einen In-Vitro-Test als Alternative zum tödlichen Tierversuch mit Mäusen zu entwickeln, den mit 100 000 Euro dotierten Ursula-M.-Händel-Tierschutzpreis erhalten. Ist das eine angenehme Begleiterscheinung Ihrer Forschung, oder haben Sie gezielt darauf hingearbeitet?
Behrensdorf-Nicol: Nein, das hat einfach gepasst. Unser Ziel war nicht der Preis; wir wollen, dass die bisher vorgeschriebenen Tests an Mäusen aus dem Europäischen Arzneibuch gestrichen werden, damit Hersteller die von uns entwickelte In-Vitro-Methode verwenden.

Das Preisgeld ist sehr üppig bemessen. Was machen Sie damit?
Krämer: Wir geben das Geld für eine internationale Ringstudie aus, um die Übertragbarkeit des Tests auf andere Labore nachzuweisen. Das ist die Voraussetzung, damit die Alternative zum Tierversuch zur verbindlichen Standardmethode in ganz Europa wird.

Hätten Sie sich von dem Geld auch jede ein neues Auto kaufen können, oder ist die Reinvestition in den Tierschutz bereits in den Vergabekriterien festgelegt?
Krämer: Privat hat keine von uns etwas von dem Geld. Wir können noch nicht mal alle Projektmitarbeiterinnen zum Essen einladen.
Behrensdorf-Nicol: Das ist so festgelegt. Wir mussten schon bei der Bewerbung darlegen, was wir mit dem Geld vorhaben, wenn wir den Preis erhalten.

Wie lange wird es jetzt dauern, bis Sie am Ziel sind und Ihre Testmethode zum Standardverfahren wird?
Krämer: Ich habe so etwas schon mal mit Tollwut-Impfstoffen gemacht, und da hat es vom Anfang der Forschung bis zur Aufnahme ins Europäische Arzneibuch rund zehn Jahre gedauert. Realistischerweise müssen wir beim Verfahren zum Botulinum-Neurotoxin jetzt noch mit rund fünf Jahren rechnen, je nachdem, wie lange die Gremien zur Beratung brauchen.

Wie viele Mäuse müssten dann nicht mehr für die Tests eingesetzt werden?
Krämer: Es kursierte mal die Zahl von 600 000 weltweit, aber das ist nur eine grobe Schätzung.
Behrensdorf-Nicol: Beim Botulinum-Neurotoxin sind die Zahlen jedenfalls viel höher als bei unserer Arbeit mit Tetanus. Es gibt zwar einige Firmen, die Alternativ-Tests entwickelt haben, aber die sind entweder so produktspezifisch, dass sie nicht übertragbar sind, oder es liegen da oft Patente drauf, und man müsste für die Anwendung zahlen.

Sie sind eine reine Frauenforschungs-Gruppe, und die Stifterin des Preises, den Sie erhalten haben, ist eine Frau. Ist der wissenschaftliche Tierschutz weiblich?
Krämer: Nein, dass wir hier nur Frauen in der Gruppe sind, ist schon ungewöhnlich. Es gibt durchaus auch viele Männer, die in diesem Bereich arbeiten, auch bei uns am PEI. Aber uns haben viele Männer geraten, ein Patent auf unsere Arbeit anzumelden und so Geld damit zu verdienen. Das ist dann vielleicht typisch männlich.

Und haben Sie ein Patent angemeldet und werden jetzt reich?
Krämer: Nein, da haben wir ganz bewusst drauf verzichtet, weil wir die Nutzung nicht einschränken wollen. Unser Ziel ist ja, dass keine Mäuse mehr für die Tests sterben sollen.

Das PEI engagiert sich nach eigener Aussage nicht nur dafür, die Tierversuche vollständig zu ersetzen oder die Zahl der verwendeten Tiere möglichst gering zu halten, sondern auch die Belastung der Tiere im Test. Wie sieht das aus?
Krämer: Generell werden die Versuchstiere hier gut gehalten, sie können sich verstecken und spielen. Wenn sie dann erste klare Symptome in einem Belastungstest zeigen, werden sie getötet, damit sie nicht unnötig lange leiden müssen.

War denn der Tierschutzgedanke immer Ihre ursprüngliche Intention, oder sind Sie da über Ihre Forschung eher so reingerutscht?
Krämer: Der Tierschutz war der Ausgangspunkt. Ich bin vor rund 20 Jahren für so ein Projekt eingestellt worden, und das war seither meine Mission.
Behrensdorf-Nicol: Ich war schon seit meiner Doktorarbeit immer darauf bedacht, Tierversuche zu vermeiden. Diese sind auch unter wissenschaftlichem Aspekt manchmal unbefriedigend. Die Ergebnisse sind nicht immer auf den Menschen übertragbar.
Krämer: Wir müssen es aber tun, das ist ja auch die Aufgabe des Instituts, Impfstoffe zu testen. Da ist es eine schöne Verzahnung, wenn wir auch gleichzeitig die Grundlage für eine In-Vitro-Methode schaffen können.

Sind die Tests ohne Tiere billiger oder teurer?
Krämer: Ich habe ehrlich gesagt nie eine Kosten-Nutzen-Rechnung für Botulinumtoxin aufgestellt. Wir züchten am PEI die Tiere ja nicht selbst, sondern kaufen sie von Züchtern günstig an. Und man braucht für unsere In-Vitro-Tests auch bestimmte Substanzen, die man nicht so ohne Weiteres erhält. Bei unserer Tollwut-Forschung lässt sich das aber gut rechnen. Wenn man mit den Tests die Zahl der Mäuse von 160 auf 20 pro Charge reduzieren kann, ist das eine klare Ersparnis.

Interview: Sigrid Adelhoff

 

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