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Kreis Offenbach Das Grauen als Großübung

Feuerwehr, Bahn und DRK üben spät nachts bei Dreieichenhain den Katastrophenfall. Die Mimen haben alle einen mehrtägigen Kurs gemacht, für die meisten ist es nicht der erste Einsatz.

Realistischer Einsatz: Die Feuerwehrleute müssen Verletzte bergen. Foto: Daniel Steinbrecher

Achtung, das ist kein Ernstfall! Auch wenn Annette Müller aus Offenbach schon grauenhaft zugerichtet ist, die Nase blutet, das Gesicht ist bleich, doch noch lacht sie. Gruselig sieht sie aus, pünktlich zur Geisterstunde in der Nacht zum Samstag. Die Mimin, so heißt das im Rot-Kreuz-Jargon, ist nicht die einzige Verletzte, die blutüberströmt ist. Vor ihr und 30 weiteren Darstellern des Deutschen Roten Kreuzes aus ganz Südhessen liegt eine schauspielerische Herausforderung, eine Großübung der Feuerwehr.

Die freiwilligen Feuerwehrleute ahnen da noch nichts, doch es wird eine lange Nacht werden. Zwischen Dreieichenhain und Götzenhain wird gegen 1.25 Uhr früh ein vollbesetzter Zug der Dreieichbahn entgleisen, in stockdunkler Nacht, nur schwierig über einen engen Feldweg zu erreichen. Im Zug sitzt auch Annette Müller, die für ihren Auftritt mit viel Mühe, Kunstblut und einer genauen Anweisung, was ihr denn fehlen wird, präpariert worden ist.

Schutzengel für die Mimen

Die Mimen haben alle einen mehrtägigen Kurs gemacht, für die meisten ist dies nicht der erste Einsatz. Doch, sie seien schon auch ein bisschen nervös, meinen Paula und Jason, beide 18, beide aus Darmstadt. Sie wird das Unglück unbeschadet überstehen, er ein Polytrauma erleiden. „Ich bin dann schwerverletzt“, sagt er.

Begleitet wird die Mimen-Gruppe von Sebastian Horlacher. Sein offizieller Titel: Leiter Unfalldarstellung beim DRK-Ortsverband Darmstadt, doch eigentlich ist er ein Schutzengel. Horlacher muss darauf achten, dass die Übung eine Übung bleibt. „Wir wollen natürlich, dass alles so realistisch wie möglich ist“, sagt er. Aber in der großen Hektik könnte es passieren, dass einer seiner Mimen tatsächlich einen Katheder in den Arm gerammt bekommt oder eine Spritze erhält. Klingt unwahrscheinlich? Ist aber gut verständlich für den, der eine Übung wie diese erlebt.

Der Zug, den die Bahn zur Verfügung gestellt hat, setzt sich am Götzenhainer Bahnhof in Bewegung. Der Stadtteil schläft. Ein Passagier witzelt noch, er werde jetzt gleich mal die Fahrkarten kontrollieren. Dann bleibt der Zug unvermittelt stehen. „Das ist die größte Übung seit Jahren im Bezirk Frankfurt“, sagt Bernd Häfner von DB Netz, der die Katastrophe mitgeplant hat. Der DB-Bezirk reicht immerhin von Limburg bis Darmstadt.

Die Lichter gehen aus, künstlicher Rauch steigt beginnt, die klare, kühle Nachtluft zu vernebeln. Die voll besetzte Dreieichbahn habe irgendwo auf freier Strecke einen umgestürzten Baum gerammt, so heißt es im Alarm. Es brenne, zahlreiche Menschen seien verletzt, man brauche dringend viele Helfer. Der Fachjargon der Feuerwehr nennt das etwas bürokratisch einen „Massenanfall an Verletzten“.

Verzweifelte Hilferufe

Und dann geht es los: Der Notruf setzt eine gewaltige Zahl an Helfern aus sämtlichen Nachbarkommunen in Bewegung. Nach wenigen Minuten erhellt Blaulicht die Nacht. Der Offenthaler Weg, ein schmales Sträßchen, ist viel zu eng für die 14 Feuerwehrautos und die neun Fahrzeuge des Rettungsdienstes, und doch geht es erstaunlich schnell, bis helles Flutlicht den Ort erleuchtet. Aus dem Zug gellen Schreie. Rauch nimmt die Sicht. Das ist schon sehr beklemmend. Es solle ja keine Showvorführung sein, sagt Markus Tillmann, stellvertretender Stadtbrandinspektor der Dreieicher Freiwilligen Feuerwehr.

Da brennt es, Verzweifelte rufen um Hilfe. Einzelne Passagiere irren völlig verstört über die Felder. Eine Frau erleidet einen Herzinfarkt. Doch die Feuerwehr muss erst einmal warten, bis die Bahn den Starkstrom der Oberleitungen abschaltet, um sich nicht selbst in Lebensgefahr zu bringen. Schwer auszuhalten ist das, selbst in einer Übung. Nun ist die Dreieichbahn gar nicht elektrifiziert, aber es ist eben zum Glück nur ein Test – wenn auch ein beeindruckender.

Das vielleicht Erstaunlichste daran: Dass rund 150 Ehrenamtliche sich so die Nacht um die Ohren schlagen – und dies auch täten, wenn es wirklich einmal ernst wird.

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