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Integration Dietzenbach Die große Einigkeit

Der Berlin-Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky erlebt in Dietzenbach ein Heimspiel. Die CDU hat den umstrittenen Sozialdemokraten eingeladen. In der Multi-Kulti-Stadt Dietzenbach hängen ihm die Zuhörer wie gebannt an den Lippen.

Große Geste: Heinz Buschkowsky in seinem Element. Foto: Monika Müller

Vor der Tür, in der Kälte, stehen zwei einsame Gegner von Heinz Buschkowsky. Die jungen Männer verteilen Flugblätter, auf denen Zitate wie „Multikulti ist gescheitert“ abgedruckt sind. „Wer hat’s gesagt? Buschkowsky oder die NPD?“, steht darüber. Auf der Rückseite des Zettels wird Buschkowsky, der Bürgermeister von Berlin-Neukölln, der an diesem Dienstag im Dietzenbacher Bürgerhaus auftritt, als „ausgewiesener Rassist“ bezeichnet.

Drinnen, im Warmen, sind solche Vorwürfe nicht zu hören. Schon vor der Veranstaltung kommen Fans zu Buschkowsky, der neben großen Stapeln seines viel diskutierten Buchs „Neukölln ist überall“ sitzt. „Wir sind froh, dass Sie gekommen sind“, strahlt eine Mittfünfzigerin. Und Guido Kaupat von der CDU, der den umstrittenen Sozialdemokraten eingeladen hat, sagt, sein Gast sei ein „mutiger Mann“. Er spreche Dinge an, an die sich sonst niemand traue. Zum Beispiel? „Dass zur Integration beide Seiten gehören.“

Als der so Gelobte dann mit seinem Vortrag beginnt, hängt das Publikum vom ersten Satz an wie gebannt an seinen Lippen. Der Saal ist mit rund 300 Besuchern gut gefüllt, die Zuhörer repräsentieren vor allem eine bestimmte Bewohnerschicht Dietzenbachs: Sie sind fast durchweg weiß, gutbürgerlich gekleidet, jenseits der 50. Und der geübte Redner Buschkowsky weiß einem solchen Publikum einzuheizen. Der 64-Jährige gibt sich locker und jovial. In Neukölln, sagt er an einer Stelle, würden kleine, moderne Herzschrittmacher hergestellt. Früher seien diese Dinger ja riesig gewesen. „Und kriegen Sie die mal rein in die Oma.“ Für solche Scherze erntet Buschkowsky immer wieder Lachen und Szenenapplaus.

Er kratzt an der Grenze zum Rassismus

Was er inhaltlich zu sagen hat, ist schnell zusammengefasst: Mit der Migrationspolitik kann das so alles nicht weitergehen. Es kämen zu wenige gut ausgebildete Migranten nach Deutschland, dafür zu viele Analphabeten aus Weltgegenden, in denen andere Sitten herrschten als „bei uns“. Aus falschem Gutmenschentum würden die Probleme mit „Einwanderern“ totgeschwiegen. Doch das gehe schon allein wirtschaftlich nicht: „Einwanderung ist kein Testbetrieb für unsere Sozialsysteme.“

Daher müsse endlich was passieren, findet Buschkowsky: Härteres Durchgreifen gegen junge Straftäter, mehr Geld in die Schulen, Druck auf Eltern von Schulschwänzern, Kita-Pflicht. Jedes Kind mit Migrationshintergrund fördern – die seien schließlich „die Zukunft unserer Gesellschaft“. Und mehr Druck auf Migranten ausüben: „Unsere Gesellschaft hat die Pflicht, Forderungen zu stellen“, ruft Buschkowsky, „der Einzelne muss sich auch integrieren wollen.“

Dabei kratzt Buschkowsky auch an der Grenze zum Rassismus. Ständig betont er die Unterschiede zwischen „uns“ und „den Fremden“, beschwört die scheinbar ewigen Grenzen zwischen „den Kulturen“. Behauptet, die Gesellschaft sei ein Körper. Erzählt, dass in Neukölln unterschiedliche Ethnien unterschiedliche Probleme machten. Und versteigt sich sogar zu der Behauptung, in „Schwarzafrika“ würden die Menschenrechte von Frauen besonders schwer verletzt.

Sein Publikum stößt sich nicht daran. Sein Publikum liebt ihn. Obwohl zur Lage in Dietzenbach nicht ein einziger Satz fällt, nicht einmal bei den Nachfragen. Es geht, so scheint es, vielen im Saal gar nicht so sehr um Buschkowskys Ideen zur Bildungspolitik oder um reale Probleme. Es geht offenbar eher um die Bestätigung eines Unbehagens mit „Fremden“. Und da bleiben bei Buschkowsky wirklich keine Wünsche offen.

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