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Infocafé-Leiterinnen Beranek und Kremser "Eltern müssen loslassen"

Die Infocafé-Leiterinnen Angelika Beranek und Beate Kremser sprechen im FR-Interview über Facebook, Pädophile und spielsüchtige Eltern.

30.06.2012 23:26
Angelika Beranek und Beate Kremser (von links) wissen, was gespielt wird. Foto: Monika müller

Als das Infocafe 2003 eröffnete, waren soziale Netzwerke noch kein Thema. Wie haben Facebook & Co Ihre Arbeit verändert?

Kremser: Soziale Netzwerke sind aus dem Alltag der Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Man macht Hausaufgaben, telefoniert oder guckt fernsehen und das soziale Netzwerk ist immer im Hintergrund an. Wir orientieren uns in unserer Arbeit an aktuellen Themen der Kids. Und Facebook ist zurzeit das große Thema.

Facebook steht wegen seiner Datenschutzpolitik am Pranger. Müssten Sie ihren minderjährigen Klienten nicht von der Benutzung abraten?

Beranek: Das funktioniert doch nicht. Es ist wichtig zu zeigen, wie die richtige Nutzung funktioniert. Man kann ja viel einstellen. Natürlich sammelt Facebook die Daten, dessen muss man sich bewusst sein. Unser Ansatz ist, darüber aufzuklären, was dort passiert.

Kremser: Ich vergleiche das gerne mit dem Straßenverkehr. Auch dort bin ich nie hundertprozentig geschützt und muss mich an gewisse Regeln halten, weil es sonst gefährlich wird.

Facebook will jetzt spezielle Kinderprofile anbieten. Begrüßen Sie das?

Kremser: Es soll spezielle Nutzerkonten für Kinder geben, die an das Elternprofil gekoppelt sind. Das halten wir für Schwachsinn.

Warum?

Beranek: Eltern haben oft ein Problem damit, wenn sich ihre Kinder irgendwo bewegen und sie nicht wissen, was die Kinder tun. Es gehört aber zu einer normalen Entwicklung dazu, dass man sich früher oder später vom Elternhaus löst. Mit dem Einblick in den Facebook-Account der Kinder haben die Eltern Zugriff auf eine Lebenswelt, die sich die Kinder selbst erobern sollten. Zudem macht Facebook das nur, um möglichst viele Daten auch von Kindern zu sammeln und diese Kinder als Nutzer an sich zu binden. Es steht klar das kommerzielle Interesse im Vordergrund und nicht der Kinderschutz.

Aber die Sorge von Eltern, beispielsweise vor Pädophilen, die sich unter falscher Identität an die Kinder heranmachen, ist doch berechtigt. Soll man diese Gefahr ignorieren?

Beranek: Nein. Ganz wichtig ist, dass die Kinder wissen, dass sie sich an ihre Eltern wenden können, wenn so etwas passiert. Wenn aber die Eltern neuen Medien und Facebook negativ gegenüberstehen und die Nutzung vielleicht sogar verbieten, ist es klar, dass die Kinder dann nicht zu ihnen kommen, wenn sie ein Problem haben. Für die Kleineren bräuchte es allerdings ein Netzwerk, das speziell auf sie zugeschnitten ist: mit gutem Datenschutz und Geschäftsbedingungen, die auch für Kinder verständlich sind.

Aber ziehen solche Kinderportale nicht gerade Kriminelle an? Die können sich doch einfach als Kinder ausgeben.

Kremser: Natürlich, deswegen müssen Eltern mit ihren Kindern reden und Regeln aufstellen. Zum Beispiel, dass sie nur Freundschaftsanfragen von Leuten annehmen, die sie kennen. Die Kinder müssen wissen, dass sie nicht auf alles reagieren müssen, was ihnen im Netz begegnet.

Beranek: Man kann viele Dinge auch durch die Nutzerstruktur regeln. Wenn etwa die Freundesliste begrenzt ist, sorgt dass dafür, dass ich mir überlege, wen ich dazunehme. Oder dass man bei Freundschaftsanfragen Fragen beantworten muss, um sicherzustellen, dass derjenige die Person auch tatsächlich kennt. Man kann Strukturen schaffen, damit Pädophilen und anderen Kriminellen nicht Tür und Tor geöffnet wird.

Wird so ein Netzwerk kommen?

Beranek: Das bleibt abzuwarten. Ich denke, dass Eltern bereit wären, dafür zu zahlen. Das Problem ist aber der Gruppendruck. Alle Nutzer aus den VZ-Netzwerken sind doch abgewandert zu Facebook. Ein neues Netzwerk würde es sehr schwer haben.

Zu Ihnen ins Infocafé kommen die Kinder zum Spielen und Surfen im Internet. Da wollen die sich doch sicher keine Vorträge zur Sicherheit im Netz anhören, oder?

Kremser: Der offene Betrieb im Infocafe ist ja nicht einmal die Hälfte unserer Arbeit. Einen Großteil verbringen wir bei Projekten mit Schulen, wo etwa Peers zu Experten für Online-Mobbing ausgebildet werden. Wir machen Elternberatung, Beratung für Jugendliche, Aufklärungsstunden, Projektwochen, Lehrerfortbildungen und Elternabende.

Im Infocafe wird aber auch nicht einfach nur gespielt und gesurft, oder?

Kremser: Nein, beim Spielen arbeiten wir auch in Workshops an Themen rund um das Spiel – zum Beispiel Medienethik, Frauen- und Männerbilder in Spielen oder Gewaltdarstellung.

Haben die jungen Leute denn Interesse an solchen Gesprächen?

Beranek: Die meisten sind sehr interessiert, wenn sie merken, dass man sich ernsthaft mit ihnen unterhalten will und nicht gleich alles verteufelt. Ich bin immer wieder überrascht, wie differenziert sich beispielsweise unsere Hauptschüler ausdrücken können, wenn es um ihre Spiele geht.

Die jungen Eltern von heute haben doch selbst als Kinder schon Computer- und Videospiele gespielt. Sind die nicht kompetent?

Kremser: Es stimmt, dass heute viele Eltern selbst spielen oder Facebook nutzen. Das bringt aber teils eigene Probleme. Manche lassen sich nichts sagen, weil sie meinen, sie kennen sich ja aus.

Beranek: Da werden dann Kinder nicht aus der Kita abgeholt, weil Mama vor World of Warcraft sitzt, oder der Kleine sitzt auf dem Schoß, wenn Papa ein Spiel für Erwachsene spielt.

Das Gespräch führte Maurice Farrouh.

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