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Hitze in Hessen Wegen der Hitze erntet Landwirt in der Nacht

Die Landwirte in Hessen müssen im Kampf gegen Hitze und Trockenheit neue Strategien entwickeln. Die Landwirtsfamilie Gaubatz in Rödermark (Kreis Offenbach) legt derzeit Nachtschichten ein.

Nächtliche Maisernte in Rödermark
40 Hektar Mais wurden in zwei Nächten lautstark vom Häcksler zerkleinert. Foto: Rolf Oeser

Zweimal hat die Familie Gaubatz aus Rödermark die Nacht zum Tag gemacht. In der Nacht zum Mittwoch und zum heutigen Freitag haben sie um 2 Uhr nachts auf den Feldern gearbeitet, haben insgesamt 40 Hektar Mais gehäckselt, in die Fahrsilos gebracht und dort mit Netzen und Folie abgedeckt. Jedes Mal 20 Stunden Arbeit – nicht freiwillig, sondern aus der Not heraus. „Der Mais ist tagsüber so heiß, es steckt so viel Wärme in der Pflanze, dass er die Silierfähigkeit verlieren kann“, sagt Werner Gaubatz. Durch die Nachtaktion hat die Familie nun gerettet, was noch zu retten war. Viel ist das nicht: Aufgrund der Trockenheit fehlen dem Mais die Kolben, er ist teilweise nur 70 Zentimeter hoch – nicht einmal halb so groß wie normal.

Da normalerweise die Nachtruhe einzuhalten ist, hat sich die Familie den Einsatz des Häckslers von der Abteilung Emissionsschutz bei der Umweltbehörde des Kreises Offenbach genehmigen lassen. „Die wollten das zuerst nicht zulassen“, sagt Werner Gaubatz. „Unser Ordnungsamt hat dann ein bisschen Druck gemacht.“ Ohne diese Genehmigung wäre nachts die Polizei gekommen und hätte ihm den Zündschlüssel abgenommen, glaubt er. 600 PS stark ist der Häcksler – laut Silvia Gaubatz die lauteste Maschine auf dem Hof.

Der geerntete Futtermais soll, mit Gras und Getreide gemischt, 100 Milchkühe und 80 Jungkühe auf dem großen Hof am Ortsrand von Rödermark-Ober-Roden ernähren. „In den Maiskolben ist die Energie drin für unsere Tiere“, sagt Daniel Gaubatz, 29-jähriger Sohn der Familie. Und genau diese Kolben wurden nun durch die Trockenheit nicht ausgebildet. Von der Masse her liege der Ertrag gerade mal bei einem Drittel, und auch die Qualität sei „unterirdisch“, sagt Landwirt Gottfried Sterkel, der bei den Gaubatz’ gerade mal vorbeigeschaut hat.

„Wir müssen für unser Vieh entweder Körnermais zukaufen oder auf unser eigenes Getreide, das wir eingelagert haben, zurückgreifen“, sagt Daniel Gaubatz. Normalerweise verkauft die Familie einen Teil des Getreides an den Landhandel oder an Getreidemühlen. Dieser Erlös fällt jetzt weg.

Seit 20. April, dem Tag der Maisaussaat, hat es in Rödermark viermal geregnet: einmal 25 Liter, einmal zehn Liter und zweimal drei Liter. „Wenn wir das eine Mal die 25 Liter nicht gehabt hätten, wäre das die totale Katastrophe für uns. Dann wäre auch das Getreide hin gewesen“, sagt Werner Gaubatz. Vor drei Wochen erntete er Brotroggen, Wintergerste und Triticale, eine Kreuzung aus Roggen und Weizen. Ertrag: mehr als 50 Prozent weniger als sonst.

260 Rundballen Stroh mussten die Milchviehbauern schon zukaufen, zum Teil als Einstreu für die Kühe, zum Teil auch zum Füttern. „Als wir beim ersten Dreschtag gesehen haben, was hinten raus kam, haben wir sofort reagiert und aus dem hessischen Ried zugekauft“, sagt Werner Gaubatz. „Wenn der Kornertrag fehlt, fehlt auch der Strohertrag.“

Da der Hof eine sogenannte Greeningprämie erhält für dem Klima- und Umweltschutz förderliche Landbewirtschaftungsmethoden, müsste man laut EU-Vorschrift nun Zwischenfrüchte säen. Aber das sei sinnlos, „weil noch kein Wasser da ist“, so Sohn Daniel. Das wäre schlichtweg rausgeschmissenes Geld.

Geld wurde in diesem Jahr auf dem Hof schon genug verbrannt. Der Winter war zu feucht, ein Teil des Getreides ist ersoffen. Die Gaubatz’ hatten deshalb zehn Hektar Roggen eingepflügt – sie nennen das umgebrochen – und den Acker mit Mais neu bestellt. Dieser Mais ist jetzt vertrocknet.

Tiere mit gesundheitlichen Problemen werden geschlachtet

Auch die Wiesen sind ausgedörrt. „Wir konnten dieses Jahr nur einmal mähen“, sagt Silvia Gaubatz. Man hoffe, dass es regnet, damit schnellwüchsige Grassorten auf die Äcker gesät werden können. Ein zweiter Grasschnitt vor dem Winter sei für die Futterversorgung wichtig. Eine Woche am Stück müsste es regnen, erklärt Landwirt Sterkel, „und zwar Landregen, damit die Erde das Wasser aufnehmen kann.“ Dem Mais hätte selbst das nicht mehr geholfen, meint er. „Der Mais wächst nicht mehr, da kann es regnen, so viel es will.“

Weil kein Futter da sei, werde gerade „unheimlich viel Vieh abgestoßen“, sagt Werner Gaubatz. Die Landwirte würden Tiere mit gesundheitlichen Problemen aussortieren, die sie normalerweise noch behandeln lassen würden.

„Die Industrie schlachtet unsere Notlage aus“, erzürnt er sich. Die Preise gingen nach oben, aber die Landwirte würden nichts davon abbekommen. „Wir können keine Rechnungen schreiben, sind nur die Restgeldempfänger“, sagt seine Frau. Die kommenden zwei Monate seien in der Landwirtschaft wohl richtungsweisend, welche Betriebe sterben und welche überleben.

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