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Feste in Dreieich Zum 300. Mal steigt die Haaner Kerb

Die Dreieichenhainer haben die Tradition bewahrt, sich aber auch der Moderne nicht verschlossen.

Haaner Kerb
Die Haaner Kerbborsche, traditionell in weißen Hemden, mit Strohhüten und roten Schärpen, halten die Tradition hoch. Foto: Rolf Oeser

Eines der ältesten und größten Kirchweihfeste in Hessen beginnt am heutigen Donnerstag: Zum 300. Mal wird in Dreieichenhain die „Haaner Kerb“ gefeiert. Das Fest ist mehr als nur Essen und Trinken, es hat überregionale Bedeutung: Die Dreieichenhainer haben es über Jahrhunderte hinweg geschafft, ursprüngliche Kirchweihbräuche aus dem Mittelalter zu erhalten und gleichzeitig auch auf neue Entwicklungen zu reagieren. Bis zu 80 000 Besucher zieht es jedes Jahr an Pfingsten in den Dreieicher Stadtteil. Oder anders gesagt: Auf jeden Einwohner kommen 7,4 Kerbbesucher.

Wie haben sich die Dreieichenhainer ihre Kerb über diesen langen Zeitraum bewahrt? Es ist hauptsächlich der Zusammenhalt der Einwohner, der dieses Jubiläum ermöglicht hat. Das Brauchtum wird jeweils an die nächste Generation weitergegeben. Über alle Altersgruppen hinweg lebten heute etwa 1000 „Traditionsbewahrer“ in dem Stadtteil, heißt es in einem Buch, das die Interessengemeinschaft (IG) Haaner Kerbborsche und die Evangelische Burgkirchengemeinde Dreieichenhain zum 300. Jubiläum herausgegeben haben. Damit sei jeder achte Bürger der Stadt ein Kerbborsch.

Bräuche wie Fackellauf, Fahnenschwenkerwettbewerb und Bierstaffel sorgen jedes Jahr für Massenaufläufe. Aber auch die historische Kulisse mit der Burgruine, malerischen Gassen und Fachwerkhäusern zieht die Besucher in den Bann. Eine Rarität ist die „Hayner Reitschul“, das größte historische Doppelstockkarussell des Landes. Zwei Einheimische hatten es nach seinem Verkauf in einem Vergnügungspark in den USA entdeckt, heute dreht es sich wieder auf der Haaner Kerb. Das Datum macht die Veranstaltung ebenfalls besonders: Alle Kirchweihfeste in der einstigen Landgrafschaft Hessen – das sind Süd-, Ober- und Rheinhessen – finden im Spätsommer oder im Herbst statt, nur die Haaner Kerb bereits im Mai. Die renitenten Einwohner wehrten sich nämlich einst gegen die allgemeine Anordnung des Landgrafen von Hessen-Darmstadt, die Kirchweih in den Herbst zu verlegen. Er wollte seine Untertanen so früh im Jahr nicht feiern und trinken sehen, sie sollten erst die Ernte einbringen.

Apropos Trinken: Als betrunkene Kerbborsche im Jahr 2012 negative Schlagzeilen machten, gingen Stadt und Vorstand der IG Haaner Kerbborsche einen ungewöhnlichen Weg. Sie wandten sich an das Suchthilfezentrum Wildhof und entwickelten mit einer Psychologin ein Workshop-Konzept für die Vorkerbborsche. In Übungen und Gesprächen lernen die jungen Männer dort, über den eigenen Alkoholkonsum ganz bewusst nachzudenken und „erwachsen“ mit Alkohol umzugehen. Die Zusammenarbeit mit der Suchthilfe ist beispielgebend: Das Projekt wurde im Juni 2016 beim bundesweiten Wettbewerb „Vorbildliche Strategien kommunaler Suchtprävention“ mit dem ersten Preis und 10 000 Euro Preisgeld ausgezeichnet.

Und noch einmal Thema Alkohol: Seit 2014 erhält jeder Festzeltbesucher ein Bändchen. „Die Security lässt sich die Ausweise zeigen“, sagt Festwirt Dennis Hausmann. Unter 18-Jährige erhalten ein andersfarbiges Bändchen als Erwachsene. Das ist für das Bedienungspersonal hilfreich, das an Minderjährige keinen Schnaps ausschenken darf. Jugendliche unter 16 Jahren dürfen gar nicht ins Festzelt am Untertor.

Die Damenwelt ist an Pfingsten in Dreieichenhain mit eingebunden. 1974 kam eine Gruppe junger Frauen auf die Idee, parallel zur Kerb am Obertor ein Straßenfest zu feiern und Strick- und Häkelwaren sowie Basteleien anzubieten – die Hayner Weiberkerb war geboren. 1980 machte sich die Gruppe selbstständig und gründete die Arbeitsgemeinschaft Hayner Weiber als gemeinnützigen Verein. In den 45 Jahren ihres Bestehens haben die Hayner Weiber mittlerweile mehr als 300 000 Euro erwirtschaftet und damit kulturelle sowie soziale Projekte in der Region unterstützt.

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