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Egelsbach „Horrorszenarien konnten wir verhindern“

Der scheidende Egelsbacher Bürgermeister Jürgen Sieling über den Frust nach seiner Abwahl, die Begegnung mit dem Bürger, über Erfolge und nicht verwirklichte Ziele.

Jürgen Sieling
Bereits im Freizeithemd: Bürgermeister Jürgen Sieling vor dem Egelsbacher Gemeindewappen. Foto: Michael Schick

Sechs Jahre lang war er Chef im Egelsbacher Rathaus – und heute ist sein letzter Arbeitstag: Bürgermeister Jürgen Sieling (SPD) übergibt den Staffelstab an Tobias Wilbrand (Grüne).

Ab Mittwoch sind Sie kein Bürgermeister mehr. Wie geht es Ihnen damit? 
Mittlerweile sehr gut. Ich habe die Enttäuschung nach der Wahlniederlage komplett verkraftet und freue mich auf meine neue alte Aufgabe. Ich habe das Glück, zu meinem alten Arbeitgeber zurückgehen zu dürfen.

Gehen Sie mit einem lachenden oder einem weinenden Auge? 
Eigentlich mit einem lachenden. Zurückzublicken in Frust und Ärger bringt ja nichts. Ich bin zufrieden, wie ich in den letzten sechs Jahren zusammen mit meiner Mannschaft die Gemeinde nach vorne bewegen konnte – wenn man bedenkt, unter welchen Rahmenbedingungen. Es gibt ja auch schöne Seiten, nicht mehr im Amt zu sein – etwa, dass man nachts, wenn die Feuerwehrsirenen durch den Ort hallen, wieder entspannt durchschlafen kann und nicht mehr denken muss: Um Himmels Willen, was ist passiert?

Sie haben Egelsbach unter dem kommunalen Schutzschirm regiert. Wird es Ihr Nachfolger leichter haben, weil der Schutzschirm zugeklappt werden kann? 
Mein Amtsnachfolger hat es ein wenig einfacher, denn die ganz schlimmen Einschnitte sind nicht mehr notwendig. Aber er bleibt finanziell genauso gefesselt, weil wir nicht das Geld haben, um das, was die Bürger permanent einfordern, auch umzusetzen. Es kann immer nur Stückwerk gemacht werden.

Was haben Sie in den sechs Jahren Amtszeit erreicht? 
Dass wir in allen Beziehungen – zum Kreis Offenbach, zum Regierungspräsidium, zu Aufsichtsbehörden und Verbänden – wieder ein ernst genommener und verlässlicher Partner sind. Durch diese Stabilität konnten wir eine ganze Reihe von Dingen auf den Weg bringen, die sich in fünf bis zehn Jahren positiv auswirken.

Zum Beispiel? 
Zwei große Gewerbeentwicklungen, die uns Arbeitsplätze und Steuerkraft bringen. Die Firma Delta Pronatura/Dr. Beckmann hat das riesige Hochregallager gebaut als ersten Schritt der Expansion, und die Firma SMC, ein japanischer Maschinenbaukonzern, wird die nächsten Jahre hier ihr Europa-Headquarter hochziehen. Mit diesen beiden Vorhaben sind zunächst alle verfügbaren Gewerbeflächen ausgenutzt.

Worauf sind Sie besonders stolz? 
Dass die gesamte kommunale Infrastruktur trotz Schutzschirmvertrag bleiben konnte: Das Schwimmbad läuft besser denn je, ist sogar teilweise saniert worden, Bürgerhaus, Volkshochschule, Bücherei sind geöffnet, unser Eigenheim, die Versammlungsstätte für 500 Personen, wird schrittweise saniert. Die Horrorszenarien von 2012, kurz nach meinem Amtsantritt, dass alles geschlossen werden muss und die Steuern massiv erhöht werden müssen, konnten wir verhindern.

Was hätten Sie gerne noch begonnen oder fortgeführt? 
Zum einen die Ortskernsanierung und -verschönerung. An der evangelischen Kirche ist unsere historische Mitte, und die ist ziemlich heruntergekommen in den letzten Jahrzehnten. Dafür sind die Gelder teilweise bereitgestellt. Zum anderen den sozialen Wohnungsbau. Überall wird nämlich hochpreisig gebaut, aber an bestimmten Bevölkerungsgruppen wie Senioren, Alleinerziehenden oder Lagerarbeitern vorbei. Die Gemeindevertretung hat deshalb im Vorjahr beschlossen, eine eigene Baugesellschaft zu gründen, was für eine kleine Gemeinde sehr unüblich ist.

Wie begegnet man Ihnen jetzt auf der Straße? 
Freundlicher und positiver als vorher. Ich habe kein böses Wort gehört nach dem Motto „Gut, dass du weg bist“. Ich habe ja auch keine goldenen Löffel geklaut.

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