Lade Inhalte...

Egelsbach 300 Weibchen unterm Dach

Ungewöhnliche Untermieter: Familie Stroh beherbergt eine große Kolonie der seltenen Mückenfledermaus.

Hinter den kreuzförmigen Lüftungsschlitzen des Forsthausnebengebäudes hat sich die Mückenfledermaus eingenistet. Foto: Renate Hoyer

Ein Ehepaar, zwei Töchter und mehr als 300 Mitbewohner, die sich unwissentlich einquartiert haben: Unter dem Dach von Susanne und Andreas Stroh im ehemaligen Forsthaus „Krause Buche“ bei Egelsbach ziehen mehr als 300 Weibchen der seltenen Mückenfledermaus ihre Jungen groß. Die Familie beherbergt somit eine der größten Kolonien dieser Art im Rhein-Main-Gebiet. Der Naturschutzbund (Nabu) und das hessische Umweltministerium haben das Gebäude am Waldrand nun als 1000. fledermausfreundliches Haus in Hessen ausgezeichnet.

Vor acht Jahren hat Familie Stroh das Anwesen bei Egelsbach, östlich von Bayerseich, ersteigert, sie hält dort Schafe und Hühner, züchtet Bienen. Immer mal wieder waren in lauen Sommernächten Fledermäuse zu sehen, die über die Schafsweide und über den Garten flogen, erinnert sich Susanne Stroh. Und auch im Kaminholz fanden sie den einen oder anderen kleinen Nachtjäger. Für das Ehepaar war das nichts Außergewöhnliches – schließlich wohnen sie ja am Waldrand, dort wo Fledermäuse in der Dämmerung nach Insekten jagen.
„Drei Jahre später standen wir in der Dämmerung im Hof und haben Fledermäuse aus der Holzverschalung des Nebengebäudes fliegen sehen“, sagt Susanne Stroh. Die Familie begann, die kleinen Tiere zu zählen. „Bei über 100 haben wir abgebrochen.“

Das Ehepaar hatte sich im ersten Stock des Nebengebäudes ein Büro eingerichtet. Buchstäblich über ihren Köpfen hingen die Fledermäuse, irgendwo zwischen dem Dachgebälk und den Ziegelsteinen. „Wir hatten die Sandsteinmauer des Hauses mit Holz verschalt und unter dem Dachfirst zu Lüftungszwecken kreuzförmige Schlitze eingebaut. Die Fledermäuse, aber auch Rotschwänzchen haben sich dort eingenistet“, erzählt Susanne Stroh.

Eines Tages klingelte es an der Haustür. Draußen stand eine Dame vom Institut für Tierökologie und Naturbildung aus Laubach-Gonterskirchen und fragte, ob die Strohs denn wüssten, dass sie Fledermäuse unter ihrem Dach haben. Gesandt wurde sie von Markus Dietz, Diplom-Biologe und Geschäftsführer des Instituts. Er ist den Nachtjägern bereits seit Jahren auf der Spur und hatte am Hegbach, ganz in der Nähe des Anwesens der Familie Stroh, auch schon einige Exemplare gefangen. Im Rahmen eines Forschungsprojektes hatte er ihnen Minisender verpasst, die mit der Zeit von selbst abfallen. So ortete er eine „seiner“ Fledermäuse im ehemaligen Forsthaus „Krause Buche“.

Fledermausköttel, die auf dem Fensterbrett zu finden waren, halfen dabei, die Art zu bestimmen. In den Kotklümpchen finden sich Haare der Tiere, die man unter dem Mikroskop untersuchen kann. So erfuhr die Familie, dass sie die seltene Mückenfledermaus, eine Unterart der Zwergfledermaus, beherbergt. Die Tiere sind winzig: 36 bis 51 Millimeter groß.

Im Sommer dieses Jahres kamen die Profis und nahmen den Bestand auf. „Zwei Damen haben ihre Gartenstühle bei uns aufgeklappt und haben einen Abend lang die ausfliegenden Fledermäuse gezählt“, sagt Susanne Stroh. Das Ergebnis: Die Kolonie ist riesig. Weibchen haben unter dem Dach des Nebengebäudes eine Brutstation angelegt, während die Männchen als „Singles“ im Wald leben. Bei über 300 Muttertieren hatten auch die zwei Damen aufgehört zu zählen. „Da waren die Jungtiere noch gar nicht eingerechnet“, so Stroh.

„Wenn wir im Büro sitzen, ist schwer was los über unseren Köpfen“, sagt Stroh. Eine Art Zwitschern sei zu hören, „eine Mischung aus Tönen von Vögeln und Mäusen.“ Das Ganze habe erst im Herbst ein Ende, wenn die Jungen flugfähig sind.

Angst vor „Batman“ hat keiner in dem ehemaligen Forsthaus. „Ich finde die Tiere eher entzückend“, sagt Susanne Stroh. Die Familie profitiere sogar von den kleinen Bewohnern, weil sie – wie auch der Name der Art schon sagt – Mücken fangen. „Und die paar Köttel auf dem Fensterbrett hat man mit dem Handfeger schnell entfernt.“ Das eine oder andere Exemplar verfange sich schon mal an der Hauswand oder lande in der Dachrinne. „Die muss mein Mann dann befreien“, lacht sie.

Vom Nabu haben sie bei der Übergabe der 1000. Plakette eine „Hausaufgabe“ bekommen: „Wir sollen selbst mal schauen, wo unsere kleinen Bewohner im Winter sind“, sagt Susanne Stroh. Irgendwo im Radius von zwei bis drei Kilometern muss der Unterschlupf liegen.

Lesen Sie weitere Berichte aus Egelsbach

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen