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Dreieich Holocaust „Ich mache es für die, die es nicht mehr können“

Die gebürtige Frankfurterin Edith Erbrich wurde als Kind von den Nazis ins KZ verschleppt: Von ihren Erfahrungen berichtet sie in Schulen und bei Ausstellungen wie die im Dreieich-Museum.

Holocaust-Überlebende Edith Erbrich wurde als Kind im KZ Theresienstadt von der Roten Armee befreit. Foto: Sascha Rheker

Edith Erbrich ist eine resolute, lebenslustige Frau. Sie reist gerne, besonders nach Australien. Dort ist sie oft gewesen, berichtet die 75-Jährige. Doch wenn sie von den schlimmen Erlebnissen ihrer Kindheit erzählt, gerät ihre Stimme ins Stocken, ihre Lebensfreude ist in diesem Augenblick wie ausgelöscht. Edith Erbrich, geboren in Frankfurt, wurde als siebenjähriges Mädchen gemeinsam mit ihrem Vater und ihrer Schwester Hella von den Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, weil ihr Vater Jude war.

Mutter musste zurückbleiben

Sie erinnert sich noch genau an den 14. Februar 1945. An diesem Tag ging einer der letzten Transporte von Frankfurt nach Theresienstadt. Auf der Transportliste stand Familie Erbrich. Edith war damals sieben Jahre alt, ihre Schwester Hella zehn. „Wir sollten uns an der Großmarkthalle in Frankfurt einfinden und wurden in die Viehwaggons geladen.“ Ihre Mutter, die ihre Kinder nicht alleine lassen wollte, wurde zurückgehalten. „Sie war Christin und durfte nicht mit.“ Drei Tage waren der Vater und die beiden Kinder mit 40 Menschen eingepfercht in einem Abteil. Die Männer und Frauen mussten in dem Waggon essen, schlafen und ihre Notdurft verrichten. Einige von ihnen überlebten den Transport nicht. „Wir hielten unterwegs ein Mal an. Da wurden die Leichen einfach aus dem Zug geworfen.“

In Theresienstadt wurde Edith Erbrich von ihrer Familie getrennt. Ihre Haare wurden abrasiert. Ihren Vater und die Schwester durfte sie nur ein Mal die Woche sehen. Dazu kam die Brutalität und Unbarmherzigkeit der Aufseherinnen. „Einmal musste ich den ganzen Tag mit einer Zahnbürste den Fußboden schrubben.“

Süßigkeiten nur zum Ansehen

Unverständnis erfüllt sie heute noch, wenn sie an einen Besuch einer Delegation des Roten Kreuzes denken muss. „Alle Kinder wurden fein angezogen. Auf den Tischen standen Massen von Süßigkeiten, doch uns war vorher eingeschärft worden, nichts zu nehmen. Als die Leute vom Roten Kreuz fragten, warum wir denn nichts essen, mussten wir sagen: Wir bekommen hier jeden Tag so viel, wir haben keinen Hunger.“ Sie könne heute noch nicht verstehen, dass das den Besuchern nicht verdächtig vorkam.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai wurde das KZ Theresienstadt von der Roten Armee befreit. „In der Nacht stand mein Vater mit Hella in der Tür und sagte, komm, wir sind frei, wir können gehen. Ich wollte ihm nicht glauben.“

Anfang Juli kehrte die Familie nach Frankfurt zurück. „Meine Mutter wusste nicht, ob wir noch lebten.“ Später als sie wieder in ihrer alten Wohnung im Ostend Frankfurts wohnten, habe die Familie aus sichergestellten KZ-Akten erfahren, dass sie am 9. Mai nach Auschwitz gebracht und dort vergast werden sollten.

Mit ihren Erfahrungen ist Edith Erbrich, die seit vielen Jahren in Langen (Kreis Offenbach) lebt, erst vor zwölf Jahren an die Öffentlichkeit gegangen, nachdem sie Kontakt zum Studienkreis Deutscher Widerstand in Frankfurt bekam, wo sie dazu ermutigt wurde. Seitdem besucht sie Schulklassen und berichtet aus ihren Erinnerungen. Im vergangenen Jahr war sie 65 Mal in Klassenzimmern im Rhein-Main-Gebiet bei insgesamt 2500 Schülern. Das fällt ihr nicht immer leicht: „Darüber zu sprechen ist nie Routine, aber das Feedback der jungen Leute ist toll, das treibt mich an.“

1998 war sie gemeinsam mit ihrer Schwester Hella zum ersten Mal nach ihrer Befreiung im KZ Theresienstadt. Das sei ein schwerer Gang, aber auch eine wichtige Erfahrung gewesen. „Es steht noch alles genauso da, wie ich es in Erinnerung habe.“ Weitere Besuche folgten, auch in Auschwitz, wo sie ermordet werden sollte. „Danach habe ich viel geweint.“ Trotzdem will sie weiterhin Gruppen nach Theresienstadt begleiten.

Überhaupt ist Edith Erbrichs Terminkalender voll. Eine Ausstellung, an deren Organisation sie sich beteiligt hat, läuft derzeit im Dreieich-Museum in Dreieichenhain. Es gibt ein Begleitprogramm mit Filmen, Lesungen und auch Vorträgen. Auch hier wird Edith Erbrich wieder von ihren Erfahrungen berichten. Vor kurzem wurden in Offenbach zwei Stolpersteine verlegt, die sie stiftete. Und sie arbeitet an einem Buch über ihre Lebensgeschichte. Ans Aufhören denkt Edith Erbrich nicht: „Ich mache es für die, die es nicht mehr machen können.“

„Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945“, Dreieich-Museum, Fahrgasse 52. Die Ausstellung ist bis zum 10. November zu sehen: Donnerstag und Samstag 14 bis 18 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr. Für Schulen und Gruppen öffnet die Ausstellung auch auf Anfrage: www.burg-hayn.de.

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