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Dreieich Der Gipfelstürmer

Der Bergsteiger Emil Kostadinov steckt auch andere mit seiner Leidenschaft an.

Emil Kostadinov, Extremsportler aus Dreieich. Foto: privat

Wenn Emil Kostadinov von seinen großen Reisen erzählt, dann hören ihm die Leute mit Begeisterung zu, wenn sie denn können. Mehr als hundert enttäuschte Besucher mussten Anfang des Jahre im Bürgertreff Götzenhain wieder gehen, weil der Andrang zu Kostadinovs Vortrag übers Bergsteigen enorm und der Raum heillos überfüllt war.

Am Donnerstag gibt es nun wieder eine Gelegenheit, diesmal im Bürgerhaus Sprendlingen, das genügend Platz bieten sollte. Für den gebürtigen Bulgaren, der seit 15 Jahren in Dreieich wohnt und geschliffen Deutsch redet, ist das ein Heimspiel. Aktuell hat er die Berge des Irans entdeckt, die höchsten hat er inzwischen schon mehrfach bestiegen und auch Reisegruppen dorthin geführt. In den einsamen Hochtälern war Kostadinov mit seiner Kletter- und Wandergruppe oft der erste Europäer. Der Iran sei ein großartiges Reiseland, schwärmt er.

Berührungsängste kennt er auch im Iran nicht, obwohl er kein Persisch spricht. Irgendwie sei das immer gegangen. Was er zu erzählen hat, sind bei weitem nicht nur Bergsteiger-Abenteuer – obwohl auch das spannend und vielfältig ist.

Ein außergewöhnliches Leben

Denn Kostadinov, Jahrgang 1969, hat auch abseits der Gebirge einen außergewöhnlichen Lebenslauf. Manch einer mit ähnlichem Schicksal hätte sicher schon unzählige Male aufgegeben. Der drahtige Extremsportler ist stets bei der Sache geblieben, hat sich nie entmutigen lassen, Rückschläge eingesteckt, ohne in die Knie zu gehen, und ist dabei stets energiegeladen, fröhlich und schwungvoll geblieben. Das inspiriert, und so wundert es nicht, dass seine Memoiren „Eiger – Traum und Wirklichkeit“ in Bulgarien ein Bestseller sind.

Wenn er von seinem Leben berichtet, dann kommt man doch ins Staunen angesichts der mächtigen Hürden, die sich ihm immer wieder in den Weg stellten – und über die er stets hinweggeklettert ist. Kostadinov berichtet freimütig von der Kindheit in Bulgarien, die Mutter alleinerziehend, und er deutet auch an, dass das nicht einfach war. „Aber meine Mutter war mein bester Freund“, sagt er. Schon als Kind liebte er die Berge. Dank guter Noten konnte er bei der bulgarischen Telekom studieren und packte die Gelegenheit beim Schopfe, als die ein Stipendium über sechs Wochen bei der Deutschen Post ausschrieb.

„Ich habe mich in Deutschland gleich zu Hause gefühlt“, sagt er heute noch begeistert. Den Abschluss machte er in Bulgarien, doch er wollte zurückkommen. „Tagsüber habe ich Deutsch gelernt, nachts geputzt, um das zu finanzieren.“ Von 1994 bis 1997 konnte er dann noch ein zweites Mal studieren, diesmal Fernmeldetechnik in Dieburg und Bonn.

„Als ich fertig war, wollte mich die Deutsche Telekom unbedingt behalten, aber weil Bulgarien da noch nicht in der EU war, musste ich binnen 48 Stunden ausreisen“, berichtet er. „Ich hatte damals schon viele Freunde in Deutschland und fühlte mich mehr deutsch als bulgarisch.“

Drei Monate obdachlos

Ende 1997, zurück in Bulgarien, landete er in der Obdachlosigkeit, lebte ein Vierteljahr lang auf der Straße. Und auch das hat ihn weder verbittert noch gebrochen, im Gegenteil. 1998 trampte er mit einem Freund drei Tage lang in die Schweiz, zum Fuß der Eigernordwand. „Das war schon abenteuerlich, so ganz ohne Geld“, sagt er rückblickend. „Aber ich wollte den Leuten zeigen, dass man kämpfen muss.“

Als Mitte 2000 Deutschland erstmals eine Art Greencard einführte, ergriff er unverzüglich seine Chance. „Ich habe alle verkauft und mir ein Ticket besorgt.“ Freunde hatten da schon Bewerbungstermine ausgemacht, und schließlich konnte er auswählen. Kostadinov entschied sich für eine bekannte Dietzenbacher Software-Firma, bei der er heute noch arbeitet. Wenn er mal frei hat, dann führt er Wandergruppen, widmet sich seiner zweiten Leidenschaft, dem Amateurfunk, oder düst auch mal übers Wochenende zum Klettern nach Italien – inzwischen mit Frau und Tochter, die natürlich ebenfalls klettern, und wie er stolz erzählt, seit diesem Sommer auch mit einem deutschen Pass.

Über den Iran als faszinierendes Reiseland berichtet Emil Kostadinov am Donnerstag, 10. Dezember, 20 Uhr, im Bürgerhaus Sprendlingen, Fichtestraße 50, in Dreieich. Der Eintritt ist frei.

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