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Dietzenbach Hohe Wahlbeteiligung im Klassenzimmer

Die Dietzenbacher Montessori-Schüler simulieren die Bundestagswahl - und lassen die großen Parteien im Regen stehen.

Montessori-Schule Dietzenbach
Stimmabgabe in der verplombten Urne - wie bei der echten Wahl. Foto: Sophie Schüler

Diese Begeisterung wünscht sich jeder Politiker: Seit Wochen fiebern 16 Schüler der Montessori-Schule Dietzenbach der Wahl zum Deutschen Bundestag entgegen. Am Mittwoch durften die 12- bis 14-Jährigen endlich wie die Großen wählen – in ihrem Klassenzimmer mit den Stimmzetteln des Wahlkreises 185 Offenbach, mit Wahlbenachrichtigungen und -helfern, einer Wahlkabine und einer Urne. Und nicht ohne Vorbildung. Kleine Politprofis sind sie in den vergangenen Wochen im Unterricht geworden. Und sie würden bei der Juniorwahl zum Bundestag am liebsten gleich noch einmal ihr Kreuzchen setzen, weil es so viel Spaß gemacht hat.

Die Wahlbeteiligung würde das Herz jedes Politikers höher schlagen lassen: „87,5 Prozent“, vermeldet Vincent trocken. Er hat bei der Juniorwahl das Amt des Schriftführers inne. „Wir haben heute zwei Krankheitsfälle“, erklärt er. Der Achtklässler nimmt seine Rolle sehr ernst: Die Mitschüler, die in der Wahlkabine – ein sechseckiger Tisch mit Sichtblende – Platz nehmen wollen, redet er mit „Herr“ und „Frau“ an.

Auch der zwölfjährige Max ist sichtbar stolz auf seinen Posten. Als Wahlvorsteher erklärt er seiner Mitschülerin Isabella: „Sie haben zwei Stimmen.“ Beisitzer Marlon wacht mit Argusaugen darüber, dass alles seinen richtigen Gang geht. Klassenlehrerin Christiane Grimm sagt schmunzelnd: „Wir mussten auslosen.“ Zehn Schüler wollten im Wahlvorstand mitwirken, zu vergeben waren allerdings lediglich drei Plätze.

Die 16 Siebt- und Achtklässler sind die ersten Wahlberechtigten der noch jungen Montessori-Schule, die damit eine von 3490 in ganz Deutschland ist, die eine Juniorwahl ausrichten. „Das kostet die Schulen 250 Euro“, sagt Grimm. In Hessen übernähmen das Kultusministerium und die Landeszentrale für politische Bildung die Kosten.

Große Plakate kleben an der Tafel und an den Wänden. Die Namen von acht Parteien sind darauf zu lesen – und die Inhalte, für die sie stehen. In Zweierteams haben sich die Schüler die Wahlprogramme der Parteien angeschaut und auf den Plakaten für ihre Mitschüler in Stichworten zusammengefasst.

Vorher haben sie „Grundlagenarbeit“ geleistet. Was ist Politik? Was ist Demokratie? Was ist das politische System Deutschlands? Diese und noch mehr Fragen wurden mit der Klassenlehrerin geklärt, die Politik und Wirtschaft studiert hat. Die Montessori-Schüler bemühten den Wahl-O-Maten, schauten sich mit ihren Eltern das TV-Duell zur Bundestagswahl an.

„Ein Einblick ins Erwachsenenleben“, fasst Philippe die Aktivitäten der vergangenen Wochen zusammen. So wie er hat auch Mouad mit seinen Eltern intensiv über die Bundestagswahl diskutiert. „Ich bin politisch anders eingestellt als meine Eltern“, sagt er. Mouad dagegen weiß nicht, was sein Vater wählt. „Das darf man nicht sagen“, habe sein Vater lachend auf seine Frage geantwortet.

Isabell hat mit ihrer Mutter den SPD-Stand in Heusenstamm besucht. „Im Anschluss haben wir uns über das ausgetauscht, was sie uns am Stand erzählt haben.“ Cedric hat mit seiner Oma gesprochen. „Ihr gefällt gar keine Partei mehr“, sagt er.

Mittlerweile hat sich die Schlange vor dem Wahlvorstand aufgelöst. „Frau Grimm, können wir die Wahl für geschlossen erklären?“, fragt Vincent. Die Lehrerin nickt. „Punkt 9 Uhr“ stellt er fest und trägt die Uhrzeit in seine Liste ein.

Die Klassenlehrerin geht mit dem jungen Wahlvorstand ins Nebenzimmer. Die Plomben der Papp-Urne werden aufgeschnitten, die Wahlzettel mit den Erst- und Zweitstimmen zweimal gezählt. Das Ergebnis wird protokolliert und später online an eine Sammelstelle übermittelt.

Die Tür zum Klassenzimmer geht wieder auf. Die Köpfe fliegen herum, gespannte Blicke verfolgen das Trio, das wieder an der Schulbank Platz nimmt. „Die Wahlergebnisse bekommt ihr am Montagmorgen“, sagt Lehrerin Grimm. Die Juniorwahl wird erst am Sonntag ab 18 Uhr mit der „normalen“ Bundestagswahl verglichen.

So viel sei für alle Interessierten aber schon einmal verraten: Das Montessori-Wahlergebnis hätte die Vertreter der großen Parteien wenig gefreut.

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