Lade Inhalte...

Dietzenbach Eine Ratte sorgt wieder für Diskussionsstoff

Die Dietzenbacher Malerin Uschi Heusel hat den Reformator Luther in ihrem Kunstkalender 2018 karikiert. Einige Gläubige ärgern sich darüber.

Dietzenbach
Frech und witzig: die Ikone eines Olivenhändlers. Foto: carlo wespe

Wie können Sie nur? Worte, die die Dietzenbacher Malerin und Karikaturistin Uschi Heusel mittlerweile gelassen hinnimmt. Im Vorjahr sorgte sie mit ihrer Comic-Ratte Ludwig, die mittlerweile einen Verkehrskreisel in Dietzenbach ziert, für Proteste und deutschlandweite Schlagzeilen. In diesem Jahr ist es eine Luther-Darstellung, die einigen missfällt. Der Reformator findet sich als Karikatur in ihrem Kunstkalender für das Jahr 2018, der soeben erschienen ist. Heusel hat ihn – wie auch schon in den vergangenen Jahren – mit Rattengemälden im Stil der Romantik und Klassik bestückt.

Mehr als eineinhalb Jahre ist es jetzt her, dass Uschi Heusel mit ihrer Ratte Ludwig die Stadt in zwei Lager aufteilte: jene, die eine Bronzeskulptur von Ludwig inmitten des sogenannten Lego-Kreisels in der Offenbacher Straße gut fanden, und jene, die das verhindern wollten. Es gründete sich eine Bürgerinitiative „Bürger gegen den Ratten-Kreisel“, rund 700 Unterschriften wurden gesammelt. Die BI hatte Heusels Skizzen allerdings unerlaubt auf ihren Flugblättern verwendet. Die Künstlerin klagte wegen Verletzung des Urheberrechts – und siegte vor Gericht.

Seit Ende Juli 2016 sitzt Ludwig nun auf seinem Steinberg inmitten des Kreisels. Seitdem sind die Kritiker verstummt. „Es tut sich nichts mehr“, sagt Heusel. Strafen sie denn die Gegner der Bronzefigur nun mit Missachtung? „Ich werde ganz normal gegrüßt“, berichtet sie. Der damalige Aufruhr habe sich für sie durchaus rentiert. „Durch den Protest wurden mehr Leute auf den Kreisel aufmerksam.“ Damit gingen auch mehr Spenden ein. „Sonst hätte ich das Kunstwerk vielleicht komplett selbst bezahlen müssen.“

Uschi Heusel ist nichts heilig

Ihr neuestes Werk hat nun erneut für Diskussionsstoff gesorgt. Das Lutherjahr brachte Heusel auf die Idee, auch den Reformator in den Kunstkalender 2018 und ins „Museum of Modern Rat“ aufzunehmen – und wie bereits viele blaublütige Persönlichkeiten im Stil alter Meister darzustellen. Ein paar Gläubige seien wegen der Rattenkarikatur von Luther erbost gewesen, sagt Heusel und nennt drei „pikierte“ Dietzenbacherinnen, die ihr einen Brief geschrieben haben. „Sie fragten, warum es für Luther kein Urheberrecht gibt, damit er nicht so dargestellt werden darf.“

Auch bei der Kunstausstellung „ARTig“ sei sie von einer Dame angesprochen worden, die sich sehr aufgeregt habe. „Aber das ist in Ordnung. Es kann ja nicht jeder alles gut finden“, sagt sie.
Umso paradoxer ist die Tatsache, dass der Kunstkalender mit dem Rattenbildnis auch in Wittenberg verkauft wird – also in der Stadt, in der Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche nagelte. Die in Wittenberg lebende Schwägerin einer Bekannten habe dafür gesorgt, sagt Heusel.
Auch Luthers Frau Katharina von Bora hat als Comic-Ratte in den Kalender Einzug gehalten. Daran stört sich aber niemand – genauso wenig wie an der Ikone eines Olivenhändlers mit dem Heiligenschein um das Rattengesicht.

Dass der 61-Jährigen wirklich nichts heilig ist, zeigt auch das Bild des Monats Mai: Die Queen lacht dem Betrachter als Comic-Ratte entgegen und hat das Markenzeichen der Rolling Stones – die herausgestreckte Zunge – am Revers kleben. „Solange die Queen noch lebt, möchte ich sie zeichnen“, sagt die Künstlerin.

Es ist gerade dieses Augenzwinkern, das Heusel Renommee sowie einen internationalen Karikaturenpreis eingebracht hat. „Ich habe sogar Kunden, die mich bitten, ihre Liebsten im Stil der alten Meister als Comic-Ratten zu malen“, sagt sie.

Wie kommt die Cartoonistin überhaupt zu ihren Motiven? „Ich mag alte Maler“, sagt sie. Schon von Kindheit an habe sie immer wieder Kunstbücher durchgeblättert. Ihre liebsten Altmeister seien Jan Vermeer und Edgar Degas. Wen wundert’s da, dass es beide in den Kunstkalender geschafft haben. Tizian hat Heusel aber ganz neu für sich entdeckt. Das November-Kalenderbild heißt eigentlich „A Man with a Quilted Sleeve“ und hängt in der Londoner Nationalgalerie. „Es hat mir gefallen, dass der Mann so beleidigt guckt“, sagt Heusel. Den beleidigten Gesichtsausdruck hat sie ihm nicht weggenommen – aber in der Bildbeschreibung humorig erklärt, warum er so schaut.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen