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Weiterstadt Stolpersteine Mit Stolpersteinen Fenster eingeschlagen

In der Nacht zum Freitag haben vermutlich rechtsextreme Täter Fenster des Rathauses von Seeheim-Jugenheim in Südhessen eingeschlagen. Bereits in der Nacht zum Donnerstag hatten Diebe sieben Stolpersteine, die erst am Mittwochnachmittag in Weiterstadt verlegt worden sind, gestohlen.

08.11.2013 10:16
Die am Mittwoch in der Gräfenhäuser Steinstraße verlegten Stolpersteine wurden bereits wieder entwendet.

Vermutlich rechtsorientierte Täter haben mit zwei Stolpersteinen Fenster des Rathauses von Seeheim-Jugenheim in Südhessen eingeschlagen. Die Tat ereignete sich nach Angaben der Polizei in der Nacht zum Freitag. Die aus Messing gefertigten Steine, die an Wohnorte von NS-Opfern erinnern, waren vor einem Jahr im knapp 20 Kilometer entfernten Griesheim gestohlen worden. Konkrete Hinweise auf die Täter haben die Ermittler eigenen Angaben zufolge bislang nicht. Sie vermuten sie aber im rechten Spektrum. Die Polizei prüft, ob auch ein Zusammenhang mit dem
Diebstahl von sieben Stolpersteinen in der Nacht zum Donnerstag im südhessischen Weiterstadt besteht. Diese Steine waren erst am Mittwoch verlegt worden und sollten an die in der NS-Zeit ermordeten Familien Hirsch und Collin-Cahn erinnern. Bereits in der Nacht zum Donnerstag sind sieben von ihnen wieder gestohlen worden. Die Polizei ermittelt.

Stadt will die Steine erneut verlegen

Der Weiterstädter Bürgermeister Peter Rohrbach (ALW) zeigt sich geschockt und verärgert: „Das ist eine beschämende Aktion. Es ist mir unverständlich, dass jemand so etwas tut. Wir müssen uns vor denjenigen schämen, die damals in der Nazi-Zeit verfolgt wurden.“ Rohrbach vermutet einen politischen Hintergrund, „das ist doch kein Lausbubenstreich.“ Anscheinend von Rechtsradikalen seien die Steine wieder aus dem Straßenpflaster herausgebrochen worden.

Die Stadt Weiterstadt will nun die Steine in der Gräfenhäuser Steinstraße erneut setzen lassen. Man werde sich nicht abhalten lassen. „Wir legen sie natürlich erneut und werden versuchen, diejenigen zu kriegen, die das getan haben.“ Das versucht auch die Polizei, die Kripo in Darmstadt hat laut Polizeisprecherin Andrea Löb die Untersuchungen aufgenommen und ermittelt „in alle Richtungen“. Ob von einem rechtsradikalen Hintergrund auszugehen ist, konnte Löb weder ausschließen noch bestätigen. Die Polizei hofft derzeit auf Zeugenhinweise unter 06151/9690.

Bürgermeister ist geschockt

Es ist nicht der erste Stolperstein-Diebstahl im Kreis. Im benachbarten Griesheim beispielsweise waren vor knapp einem Jahr ebenfalls Steine gestohlen worden, zwei Stück, die schon länger zuvor verlegt worden waren. Auch damals blieb offen, ob es sich um einen politisch motivierten Vorfall gehandelt hatte. Aber auch in Griesheim wurden, wie dies nun auch die Stadt Weiterstadt plant, die Steine an gleicher Stelle wieder ersetzt.

Rund 50 Weiterstädter waren am Mittwochnachmittag zu den ersten Stolpersteinverlegungen in Weiterstadt im Stadtteil Gräfenhausen gekommen. Während der Verlegung der Stolpersteine erinnerte die hauptamtliche städtische Archivarin Maxi Jennifer Braun an die damals Verfolgten und an die Geschichte der beiden Gräfenhäuser Familien, derer nun mit den Stolpersteinen gedacht wird.

Die jüdische Familie Hirsch lebte in der heutigen Hauptstraße 22. Die Straße hieß früher Langgasse und war 1933 in „Straße der SA“ umbenannt worden. Julius Hirsch war Kaufmann und Viehhändler, er und seine Frau Sofie hatten eine Tochter, Hilde Regina, die am 26. Februar 1922 geboren wurde. Wegen NS-Repressionen musste der Betrieb schließen, erinnerte die Archivarin. „Julius, Sofie und Hilde Regina Hirsch mussten am 18. März 1942 mit als letzte jüdische Familie ihre Heimat Gräfenhausen verlassen“, sagte Braun.

Familie Collin-Cahn lebte in der Steinstraße 4

Von Darmstadt aus wurden sie ins Ghetto Piaski deportiert (Ostpolen). „Ihr weiteres Schicksal ist nicht mehr im Einzelnen zu ermitteln.“ Menschen im Ghetto Piaski wurden meistens im rund 100 Kilometer entfernten Vernichtungslager Belzec bei Lublin ermordet, erklärte Braun.

In der Steinstraße 4 lebte die Familie Collin-Cahn. Händler Carl Collin (1880-1929) war Mitglied im Gesangverein, Turn-Gauvorsitzender und Vorstandsmitglied in der Demokratischen Partei. Seine Witwe lebte im Haus mit ihren Töchtern Regina sowie Henny, die mit dem Metzger Siegmund Cahn verheiratet war. Bertha Collin wurde 1938 gezwungen, die dort ansässige Metzgerei sowie die Geflügel- und Milchhandlung aufzugeben. pia/mawi/dpa

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